40 Jahre - 1993

Kapitel 23 (1993)

von Uwe Weinreich

Dass das Kinder- und Jugendtheater jetzt auf eigenen Füßen stand, hatte sich so langsam überall herumgesprochen. Wir wirtschafteten jetzt aus unserer eigenen Kasse. Gabriele Röder verwaltete einen Etat von 340.000 DM (wohlgemerkt DM, nicht Euro), die Hälfte davon wurde durch die Stadt Wuppertal geschultert, worin allerdings auch Sachleistungen, wie die mietfreie Unterkunft in der Buschstraße und Transportmittel waren.

Buschstraße 10 hieß jetzt unsere offizielle Adresse, und wir waren schon ein bisschen stolz. Ach Quatsch, wir waren mächtig stolz, es jetzt endlich bis zu diesem Punkt gebracht zu haben. Bis auf einige ausgelagerte Bühnenbilder war hier alles unter einem Dach. Im Erdgeschoss befand sich die Werkstatt, in der immer noch Uwe Böhme seine „Meisterrolle” wahrnahm. Mittlerweile hatten allerdings viele junge Leute wie z. B. Michael Nelskamp, Robert Spingys, Petra Lattau diese Werkstatt zu ihrem zweiten Wohnzimmer gemacht. Parallel zu der immer professionelleren Umsetzung unserer Stücke kamen auch immer fantastischere Bühnenbilder und Kostüme, die Laurentiu Tuturuga entwarf und die natürlich alle ebenso professionell gebaut werden mussten. Das alles anzufertigen brauchte viel Zeit und viele Hände. In dieser Zeit stieß auch Till Buchwald zur Technik, und heute 20 Jahre später könnt ihr ihn immer noch dort treffen.

In der ersten Etage befand sich unser Büro, klein aber fein, das jetzt Gabi Röder „bewohnte” und durch deren Hände bzw. Telefone jetzt alle Kartenanfragen, Abrechnungen, Terminierungen, Dispositionen,  Bestellungen für Arbeitsmaterialien, Medienkontakte und… und… und… liefen.

Auf der gleichen Etage gab es dann noch eine Küche, die später auch als Lager für Kostüme und Texthefte diente. Da es der größte Raum war, tagte hier auch regelmäßig der Vorstand. Angrenzend gab es die Schneiderei und davon abgeteilt einen Miniraum, in dem wir Requisiten aller Art lagerten. Das war schon unsere ganze Herrlichkeit. Halt, ich hab noch zwei Dinge vergessen:

1)      gab es noch ein angrenzendes Gebäude (das ehemalige Lacktechnikum der Fa. Herberts), das jetzt auch Bühnenbilder beherbergte und
2)      war da noch ein großes phantastisches Außengelände, das vor allem im Sommer gerne als „Festwiese” genutzt wurde; aber über unsere Feste, die eine ähnlich hohe Qualität wie unsere Theaterstücke hatten, werde ich euch noch später berichten.

Ja, das war sie, unsere Buschstraße, eine wirkliche Theaterheimat über viele Jahre.

Jetzt lasst uns aber endlich wieder auf die Bühne gehen. Das Frühjahr stand ganz im Zeichen des Umweltschutzes. Wir hatten uns das Grips-Stück „Himmel, Erde, Luft und Meer” ausgesucht, für das Volker Ludwig drei Jahre zuvor den Brüder-Grimm-Preis bekommen hatte.

Das Mädchen Anna aus dem ostdeutschen und damit besonders stark umweltverseuchten Ort Krätze hat die bemerkenswerte Fähigkeit, Gift im Essen und Wasser zu spüren, zu schmecken und zu riechen. Anna redet mit den Tieren und Pflanzen und misstraut den Erwachsenen, denn letztlich machen diese „die Kinder kaputt”! Sarah Mark spielte diese Rolle hinreißend, wie Sabina Bartholomä in der Wuppertaler Rundschau schrieb, während sie meinen eigenen Auftritt als Oma als liebenswert trottelig bezeichnete. Ja, genau so sollte sie sein, die Oma; aber zu ihr komme ich gleich noch.

Die West-Familie Dröscher lädt Anna zwei Wochen zur Erholung ein, in der Illusion, dass hier alles besser ist. Anna wirbelt das gewohnte Familienleben gehörig durcheinander, mit ihren unbestechlichen Sinnen zeigt sie, dass auch hier fast alles faul ist. Zunächst für verrückt erklärt, überzeugt sie erst die Kinder, dann aber auch den Vater, der als Chemiker im Test ihre Angaben bestätigen kann. Schuld daran, dass die Erwachsenen so schlecht mit der Erde umgehen, ist die Sucht nach immer mehr! Mehr Geld, mehr Konsum, mehr Abfall, mehr Gift – wie lässt sich dieser gefährliche Kreislauf durchbrechen?

„Himmel, Erde, Luft und Meer” ist ein typisches Grips-Stück, das natürlich eine ernste Botschaft hat, nämlich „Weniger ist mehr”, diese aber mit „Grips” an den Zuschauer bringt, indem es sie packend verpackt und mit schmissigen Liedern garniert.

Ich hatte viele Umzüge, was normalerweise bei uns nichts ungewöhnliches ist, da wir oft mehrere Rollen in einem Stück übernehmen. Mein Problem war es allerdings, dass ich u. a. eine alte Dame, die Oma Mielow, spielte, die typgerecht eine beige-braune, blickdichte Stützstrumpfhose mit Komfortbündchen und Komfortzwickel trug. Habt ihr schon mal versucht, zwischen zwei Auftritten, schwitzend, ganz fix in eine beige-braune, blickdichte Stützstrumpfhose mit Komfortbündchen und Komfortzwickel zu schlüpfen? Nein? Habt ihr nicht? ----- Aber ich!

Ich sage euch, das sind die wahren Abenteuer, die es in unserer Welt zu erleben gibt. Und nicht nur einmal saß das Komfortbündchen der Strumpfhose irgendwo auf halbem Oberschenkel, zum Glück durch Oma Mielows Kittelschürze verdeckt. Und egal, wo sich das Bündchen befand, Stichwort und raus auf die Bühne.

Eins weiß ich sicher: Sollte es jemals auch für Männer modern werden, beige-braune blickdichte Stützstrumpfhosen mit Komfortbündchen und Komfortzwickel zu tragen, ich weiß, ich werde mich diesem Trend verweigern.

Der bewährten Riege älterer Ensemblemitglieder wie Rita Reineke, Rainer Kreusch und Boris Pietsch und meinereiner standen, altersgerecht besetzt, gegenüber die Jugendlichen in diesem Stück, Sarah und Felix Mark. und dann zum ersten Mal Gabi Röders Tochter Gesine Röder. Ach, und fast hätte ich Annika Kuhl vergessen, die zum letzten Mal beim Kinder- und Jugendtheater auf der Bühne stand. Sie machte in diesem Jahr ihr Abitur und entschloss sich, Schauspiel zu studieren. Von Zeit zu Zeit seh’ ich sie im Fernsehen und erinnere mich natürlich an Ronja Räubertochter, aber auch an dieses Stück, in dem viel gesungen und getanzt wurde und in dem wir mal so richtig die Sau raus lassen konnten, nämlich mit dem „Schweinchen-Lied“, das wir, als Schweine verkleidet, zum besten gaben.

„Himmel, Erde, Luft und Meer” wurde zu einem richtigen „Wachrüttelstück”. In ungewöhnlich vielen Leserbriefen bedankten sich die Zuschauer und bescheinigten uns ihre Betroffenheit darüber, dass auch sie nach der Vorstellung festgestellt hätten, zu den „Mehr-Schweinen” zu gehören, zu denen, die immer nur mehr, mehr, mehr haben müssen.

Eberhard Kreye, Vorsitzender des Verbands für Bildung und Erziehung, brachte es in seinem Leserbrief auf den Punkt und löste nun wiederum bei uns Betroffenheit aus:

„Dieses Stück darf nicht nur dem Stammpublikum und der Fangemeinde des Herwig Mark gezeigt werden. Für junge Zuschauer ist es nicht ganz unproblematisch, weil sie sehr drastisch ihre Ohnmacht erkennen müssen gegenüber der fortschreitenden Zerstörung der Welt und weil dieses Stück ihre Zukunftsängste erhärtet – trotz eines hoffnungsvollen Ausgangs und klarer Strategien, eine Umkehr herbeizuführen. Dieses Stück sollte in den Spielplan des Schauspielhauses aufgenommen werden, das Fernsehen müsste es ausstrahlen… Seine Botschaft ist (über-)lebenswichtig. Doch ich fürchte, dass mein Appell bei den meisten von uns Erwachsenen, Stadtverordneten, Planern, Lehrern, Unternehmern und Machern nichts bewirken und verändern wird. Die kleine Anna in diesem denk-würdigen Stück behauptet wohl zu recht: „Die Erwachsenen bringen die Kinder um.”

Bevor ich mich dem nächsten Stück zuwende, vielleicht noch eine kleine Randnotiz: Ein Jahr später wurden wir eingeladen, das Stück auf der Bühne des Wuppertaler Schauspielhauses zu präsentieren.

Die Sommerferien waren vorbei, und deshalb mit fliegenden Fahnen zu unserem Jugendstück. Es hieß „Voll auf der Rolle”, stammte aus der Feder von Leonie Ossowski und setzte sich mit Rassismus auseinander. 1985 erhielt sie dafür den Brüder-Grimm-Preis.

Eine Gruppe von sechs Schülern probt mit ihrem Lehrer in der Theater-AG ein Rollenspiel zum Jugendroman „Stern ohne Himmel”. Der Roman handelt von fünf Jugendlichen im 6. Kriegsjahr 1945. Diese Fünf haben in ihrem Geheimvorratskeller einen Juden erwischt, der bei einem Transport ins Konzentrationslager fliehen konnte. Während einer dieser Jugendlichen, ein überzeugter Nationalsozialist, die anderen auffordert, den Juden anzuzeigen, planen diese, ihm zu helfen.

Diese ganze Problematik wird für die Teilnehmer der Theater-AG Wirklichkeit, als sie erfahren müssen, dass der Türkenjunge Metin, der den Juden Abiram spielt, mit seiner Familie zurück in die Türkei soll. Metin will aber lieber hier in Deutschland bleiben und seinen Schulabschluss machen. Wolle, ein Junge mit neonazistischen Tendenzen, der auch den Hitlerjungen Willi spielt, versucht zu verhindern, dass die anderen Metin, dem die Abschiebung in die Türkei droht, helfen. Und dabei ist ihm jedes Mittel recht. Es kommt zur Konfrontation.

Vor allem James Sater als Metin und Andreas Wölz als Wolle sowie der gesamten Ensembleleistung zollte die Kritik großes Lob.

Herwig Mark hatte seit „Aidsfieber” im Jahr 1990 konsequent die für Jugendliche relevanten Themenkreise angesprochen, 1990 die Volksseuche Aids mit all den Ängsten, die sie auslöst, 1991 das Thema Drogen und der oft zu leichtfertige Umgang damit, 1992 Gewalt gegenüber Menschen anderer Kulturkreise und jetzt 1993 die Auseinandersetzung mit Rassismus. Nicht umsonst wurde das Engagement des Wuppertaler Kinder- und Jugendtheaters gerade in diesem Segment gegen alle ökonomischen Überlegungen tätig zu sein u. a. dadurch belohnt, das es von einer Jury unter 45 Bewerbungen für das Theaterfestival „Theaterzwang” in Dortmund ausgewählt wurde.

Das Jahr endete mit einem Märchen, das schon einmal neun Jahre zuvor auf dem Spielplan gestanden hatte, „Zwerg Nase”. Eigentlich ein wunderschönes Märchen, birgt es doch eine Schwierigkeit, wenn man das Stück auf die Bühne bringt: „Wie findet die Verwandlung in den Zwerg statt? Ja, und was machen wir mit der Nase?”

Während in der 84er Version Lars Emrich diese Rolle klassisch meisterte, was soviel heißt wie: Schauspieler agiert vor und nach der Verwandlung so wie der liebe Gott ihn wachsen ließ, was Körper- und Nasengröße betrifft. Als Zwerg muss er allerdings die ganze Zeit gebückt herumlaufen, und das mit der Nase regelt Pappmache oder Gummi und Mastix.

Unsere 93er Version wollte/musste andere Wege gehen.

1)      war die Rolle mit Alois Rosenacker besetzt, der von der Statur eher in Gullivers Reisen einen der Riesen hätte spielen können und

2)      passte die geklebte Kunstnase nicht in das Bild, das Laurentiu Tuturuga als Bühnen- und Kostümbildner vorschwebte. Er wollte die Nasenfrage über das Kostüm gelöst wissen.

Überhaupt lebte die ganze Inszenierung sehr über die wunderbar farbige Bühne und die mehr als phantasievollen Kostüme. Wochen vorher hatten wir auf dem Riesenflohmarkt in Wuppertal-Vohwinkel alles Küchengerät, dessen wir habhaft werden konnten, aufgekauft: Suppenkellen, Siebe, Reiben, Besteck aller Art, Töpfe und Kuchenformen, Pfanne und Nudelholz, Auflaufformen und Trichter.

So wie der gesamte Bühnenraum von bunten Tüchern durchflutet wurde und die Räume teilte, so waren Silke Schober und ich in bunte leichte Umhänge gehüllt mit überdimensionalen Kopfbedeckungen und spielten ein Erzählerpärchen, das mit Augenzwinkern durch das Stück führte. Gleich aber durften wir uns auch wieder verwandeln, und Silke wurde zur Fee Kräuterweiß und zu Mimi und ich schwang mich in eine der Küchengerätrüstungen, um den äußerst dunkelblaublütigen Fürsten zu geben, der auf Einladung des Herzogs (Udo Dülme) an dessen Hof weilte. So überbunt wie unser Bühnenbild waren alle Charaktere angelegt. Andreas Wölz näselte den Butler Henry, und in der Küche regierte Dieter Marenz als Küchenmeister, unterstützt von Ole Weinreich als Küchenjunge und Kaltmamsell Sabine Müller.

Höhepunkt für die Augen war das große Festmahl, wenn durch ein Loch in der Mitte des Tisches Ole als tischschmückende Rauschgoldputte mit Kerzenleuchter in der Hand einen wunderbaren Überraschungsauftritt hatte. Was für ein Bild!

Wie schrieb die Kritik: „Da stimmte wirklich alles. Die sensible Musik von Matthias Burkert, mal verhalten romantisch, wenn die Handlung verharrte, etwa vor den rührenden Dialogen zwischen Silke Schober (Fee Kräuterweiß/Mimi) und Alois Rosenacker (Jakob/Zwerg Nase), mal fortissimo, wenn Fürst und Herzog zum Tanze gelüstete. Die bunten popfarbenen Stoffbahnen, die Kostüme, vor allem die Hüte, auf denen ganze Gemüsegärten blühten, der Inhalt ganzer Werkzeugschränke seinen Platz fand, ja, das gesamte Bühnenbild, auf engstem Raum operettenhaft bunt von Laurentiu Tuturuga, Petra Lattau und Robert Spingys aufeinander abgestimmt, entführte bereits rein optisch mit orientalischem Flair in jenes Königreich „Phantasie”, in dem „Zwerg Nase” seine Abenteuer bestehen soll. Herwig Mark ist es mit leichter Hand gelungen, ein Stück zu inszenieren, das über 70 Minuten fesselte.”

Immer wieder kommt es vor, dass man seinen ersten Auftritt nicht aus irgendwelchen Gängen zur Hinterbühne hat, sondern direkt von einer Stelle aus dem Bühnenbild auftauchen muss, zu der es keine Verbindung nach Außen gibt. In solchen Fällen müssen die betreffenden Schauspieler vor Ort sein, bevor die Zuschauer eingelassen werden. Das bedeutet, dass man wenigstens 30 Minuten stumm an einem Ort verharrt, der eher eingeschränkt Platz bietet.

Auch bei diesem Stück mussten 8 Schauspieler in zu einer Kiste zusammengeklappten Bühne auf engstem Raum ausharren, bis Silke und ich auf der Bühne unseren Anfangsdialog beendet hatten. Jeder entwickelt in so einer Zwangsgemeinschaft eine andere Überlebensstrategie. Der eine macht einfach nur die Augen zu und döst still vor sich, andere machen sogar autogenes Training, wieder andere werden geradezu hyperaktiv, was sogar soweit geht, dass sie ihre Umgebung stark nerven, weil sie plötzlich Hunger oder Durst empfinden oder irgendetwas vergessen haben – und sei es nur einen Satz.

Man sollte das mal erlebt haben, diese 30 Minuten in so einem Biotop. Ich hoffe, ihr erlebt in dieser Woche nur Angenehmes.

Bis nächste Woche
Euer Uwe