40 Jahre - 1994

Kapitel 24 (1994)

von Uwe Weinreich

Wir schreiben das Jahr 1994.
Die „Volksbühnenzeit” liegt zwar nur 3 Jahre zurück, gefühlt aber lange hinter uns, die Buschstraße Nr. 10 ist eingerichtet, und auch mit der Aula an der Bundesallee haben wir uns erst einmal arrangiert, wenn man einmal absieht von den üblichen Querelen, die es immer in Schulen mit dem Hausmeister gibt. Nein, es gibt keinen Janosch in diesem Jahr, sondern eine neue Welle kündigt sich an, die Samswelle.

Für die weniger Kinderbuchbelesenen unter euch sollte ich vielleicht noch sagen, dass es sich hierbei nicht um eine neue Modefrisur oder eine besondere Attraktion in einem Spaßbad handelt, sondern schlicht und einfach um die Geschichten vom Sams. Dieses wunderbare Wesen hatte sich Paul Maar ausgedacht, und just in diesem Monat erscheint das Buch Nummer 7. Keine Angst, alle haben wir nicht verbühnt (ich habe dieses Wort gerade erfunden, schließlich gibt es ja auch „verfilmt”). 

Getreu der Regel, bei Buchreihen fängt man immer vorne an, machten wir uns also auch über das erste Sams-Buch her „Eine Woche voller Samstage”. Herr Taschenbier ist ein ängstlicher Mensch. Er fürchtet sich vor seiner Zimmerwirtin, vor seinem Chef und überhaupt vor allen Leuten, die schimpfen und befehlen, bis ihm eines Samstags ein Sams über den Weg läuft und kurzerhand beschließt, bei ihm zu bleiben. Das Sams ist ein furchtloses, ja beinahe respektloses Wesen, das sich von nichts und niemandem einschüchtern lässt, das überall freche Bemerkungen macht und zurückschimpft, wenn andere schimpfen. Herrn Taschenbier ist das anfangs furchtbar peinlich, und er versucht auf alle möglichen Arten, das Sams wieder loszuwerden. Aber seltsam: Je länger es bei Herrn Taschenbier bleibt, desto lieber gewinnt er das Sams. Und am Schluss wird aus dem braven, ängstlichen Herrn Taschenbier ein selbstbewusster Mensch, der gelernt hat, sich zu behaupten.

Natürlich steht und fällt ein Sams-Theaterstück mit der Besetzung des Sams selbst. Andreas Wölz, schon erfahren darin, skurile Typen zu spielen, schlüpfte in das schweinchenrosa Samskostüm, ließ sich die Haare rot färben, eine Rüsselnase und blaue Wunschpunkte ins Gesicht kleben. Ihm zur Seite standen Rainer Kreusch als Herr Taschenbier, Rita Reineke als Taschenbiers Zimmerwirtin Frau Rotkohl und Udo Dülme als Taschenbiers Chef Herr Oberstein, um nur die immer wieder- kehrenden Hauptprotagonisten zu nennen. Bei der Beliebtheit, die das Sams bis heute bei Kindern hat, muss ich nicht erwähnen, dass Paul Maar für seine Sams Bücher diverse Preise eingeheimst hat, und 2001 hat man sogar einen Samsfilm gedreht mit ChrisTine Urspruch als Sams und Urich Noethen als Herr Taschenbier.

Auch bei uns schlug das Sams ein wie eine Bombe. Vielleicht könnt ihr es euch ansatzweise vorstellen, was in einem mit Kindern vollbesetzten Theatersaal los ist, wenn das Sams laufend den ach so erwachsenen Erwachsenen Widerworte gibt und sie im wahrsten Sinne des Wortes wörtlich nimmt. Da ist schon richtig „Stimmung in der Bude”, und es braucht viel schauspielerisches Geschick, die Vorstellung in geordneten Bahnen weiterlaufen zu lassen. Zum Glück konnte Herwig Mark auf ein ausgefuchstes Ensemble zurückgreifen, das solche Herausforderungen wie einen tobenden Theatersaal spielend meistert.

And’re können Dich nicht ändern,
ändern musst Du dich allein.
Und so wird aus einem Igel
ab und zu ein Stachelschwein! (Sams)

Und nun werden wir wieder etwas ernster. Zum zweiten Mal sollte „Das Tagebuch der Anne Frank” inszeniert werden. Wir konnten fast in der gleichen Besetzung antreten wie sieben Jahre zuvor. Meine Frau Edith wurde jetzt von Rita Reineke gespielt, Lucia Trapani war Frau van Daan und der „gute Geist” Miep, wurde jetzt von Silke Schober verkörpert. Claudia Eberbach-Pape, obwohl inzwischen Mutter, sah immer noch aus wie die junge Anne Frank. Es stand also einer erfolgreichen Wiederaufnahme nichts im Wege. Allerdings forderte das Umfeld in der Bundesallee ein gänzlich anderes Bühnenbild. Während wir ja in der Inszenierung von 1987 in den Räumlichkeiten der Stadthalle fast so etwas wie Gemütlichkeit vorfanden, war es jetzt das krasse Gegenteil. Laurentiu Tuturuga hatte ein Bühnenbild entworfen, dessen Hauptbestandteile große Metallrahmen waren, die mit Armiergittern versehen waren. Daraus formten sich die unterschiedlichen Räumlichkeiten, und das Ganze endete damit, dass zum Ende diese Teile einen Davidstern bildeten, in dessen Mitte wir alle zusammengetrieben auf engsten Raum kauerten. Es gab über die Gesamtdauer des Stücks (120 Minuten) absolut keine Rückzugsmöglichkeit für irgendeinen von uns. Wir waren von Anfang bis Ende für den Zuschauer sichtbar, spielten also auch, wenn wir keine Dialoge, ja wenn die Szene in einem anderen Raum stattfand. Das führte in dieser Inszenierung mehr noch als bei seinem Vorgänger dazu, dass wir eine beklemmende Kälte spürten, wirkliche psychische Gewalt. Die übermannshohen Gitter um uns herum machten auf eine Art das Geschehen transparent, ließen uns aber zu jeder Sekunde wissen, dass wir in einem Gefängnis waren.

Ansonsten waren wir natürlich durch die 87er Serie in dem Stück zu Hause, und ich glaube, dass es wieder eine sehr dichte und überzeugende Inszenierung wurde. Eigentlich müsste man solche Stücke wie „Anne Frank” konservieren können, um sie in regelmäßigen Zyklen wieder aufzuführen.

Das Jahr endete mit einem Stück, dessen Titel – flüssig ausgesprochen – einen bereits befähigt, hier mitzuspielen. Ich spreche von „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch” von Michael Ende.

Und jetzt alle: satanarchäolügenialkohöllisch. Na, geht doch.

Und damit wir auch gleich noch etwas gelernt haben: Das Wort satanarchäolügenialkohöllisch ist ein sogenanntes Kofferwort oder auch Schachtelwort aus den Wörtern Satan, Anarchie, Archäologie, Lüge, genial, Alkohol und höllisch, alles Worte, denen in dem Buch eine besondere Bedeutung zukommt.

In der Villa des Geheimen Zauberrats Beelzebub Irrwitzer geht Schreckliches vor sich. Der fiese Zauberer tut Böses, wo er nur kann: er rottet Tierarten aus, vergiftet die Umwelt und sorgt für Klimakatastrophen. Doch im letzten Jahr hat er sein Soll nicht erfüllt und soll gepfändet werden, wenn er bis zum Jahreswechsel nicht noch großes Unheil anrichtet. Da erscheint seine Tante, die böse Geldhexe Tyrannja Vamperl, die ähnliche Probleme plagen. Beide kommen auf die gleiche höllische Idee: ein satanarchäolügenialkohöllischer Wunschpunsch muss gebraut werden – und alles wird doch noch gut (schlecht).

Die beiden haben ihren Plan aber ohne ihre Haustiere gemacht. Denn Tante Tyrannjas Rabe Jakob Krakel und Irrwitzers kleiner dicker Kater Maurizio di Mauro wurden vom Hohen Rat der Tiere als Spione zu den Magiern geschickt, um weiteres Unheil zu verhindern. Zwar hatte es Irrwitzer geschafft, seinen Kater hinters Licht zu führen, doch nun kommt alles raus. Die zwei kleinen Tiere machen sich auf, die Welt zu retten.

Die FAZ schreibt zu dem Buch: Der Wunschpunsch ist ein Buch, das gute Laune bereitet. Eine erfreulich übersichtlich konstruierte „Commedia infernale”, worin zwar einmal mehr die Welt erlöst wird, aber augenzwinkernd fröhlich. Und genau so haben wir das Stück auch umgesetzt. Ich durfte als Bösewicht Irrwitzer endlich auch mal einen Fiesling spielen, was ungeheuren Spaß bereitet hat. Nicht minder Spaß hatte Andreas Wölz als Tante Tüttie, wie ich sie nannte, der in sehr schrillem Outlook „den Affen Zucker geben konnte”. Die beiden Hauptrollen spielten Andreas Richter (Rabe) und Rainer Kreusch (Kater). Und mit Gerit Jech als Maledictus Made (wie aus der Pate 3 entsprungen) war das Ensemble auch schon komplett.

Punsch aller Pünsche,
erfüll’ meine Wünsche.

Hätten wir doch für die Weihnachtsproduktion immer so ein kleines überschaubares Ensemble.

Uns hat das Stück saumäßig Spaß gemacht, die Zuschauer strömten in Scharen und die Kritik ließ sich nicht lumpen.

Wuppertaler Rundschau: Schwungvoll inszeniert mit Schauspielern, denen die Spielfreude anzumerken war und die streckenweise Profiqualität erreichten, bot der Wunschpunsch über eineinhalb Stunden spannende Unterhaltung.

Frank Scurla von der WZ:  Gerit Jech als Maledictus im Gangsterlook, Andreas Richter als Rabe und Rainer Kreusch als Kater warten mit professionellen Leistungen und komischer Begabung auf. Bei Uwe Weinreich als Irrwitzer und Andreas Wölz als Hexe (Kommentar eines Dreijährigen: „Dat is’ aber keine Frau”) wird der Schlagabtausch zur überdrehten Boulevardkomödie mit makabren Einschlag. Das muss wie hier gekonnt sein.

Ich entlasse euch aber auch diese Woche nicht ohne ein kleines Schmankerl. Während der Probenphase hat man natürlich kein Bühnenbild. Das wird während der Proben markiert, d. h. man macht ein paar Striche auf den Bühnenboden, deutet mit Tisch und Stühlen die Gegenstände an, die man später auf der Bühne vorfinden wird. So war es auch beim Wunschpunsch. Das ganze Stück spielte hauptsächlich in der Chemieküche Irrwitzers. Es wurde geprobt und gesungen, Gänge wurden genau festgelegt. Jeder Satz, jede Geste ist genau definiert und mit einem bestimmten Punkt auf der Bühne verbunden, sodass man sich, vor allem, wenn es mehrere Darsteller zur gleichen Zeit auf der Bühne gibt, nicht ins Gehege kommt.

14 Tage vor der Premiere trifft das Bühnenbild ein, und man hat jetzt die Möglichkeit, alle theoretisch festgelegten Bewegungen im wirklichen Bühnenbild auszuprobieren. Doch, oh Wunder, nichts aber auch gar nichts stimmte mehr, kein Gang, kein Platznehmen am Tisch. Die Auftritte waren falsch. Was war passiert? Wir hatten in einem theoretischen Bühnenbild geprobt, das sich von der Wirklichkeit dadurch unterschied, dass alles spiegelverkehrt war.

Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, dass wir viel „Freude” hatten und etliche Extraproben brauchten, um alles, was wir uns angeeignet hatten, im Kopf zu drehen. Auch so etwas passiert; aber Jahre später entwickeln sich gerade diese Geschichten zu den Highlights, die man erlebt hat.

Bis nächste Woche
Euer Uwe