40 Jahre - 1995

Kapitel 25 (1995)

von Uwe Weinreich

Wir trudelten ins 24. Jahr seit der Gründung des Kindertheaters, und am Horizont zeichnete sich langsam ab, dass wir im folgenden Jahr unser 25jähriges Jubiläum feiern wollten. So etwas braucht natürlich Vorbereitungen, und die begannen 1995.

Das Frühjahr sah eines meiner ganz persönlichen Highlights „Das besondere Leben der Hilletje Jans”, in der Titelrolle Sarah Mark.

Ad de Bonts facettenreiches Stück zeigt das pralle Leben des 18. Jahrhunderts in Holland und den ungewöhnlichen Lebensweg einer ungewöhnlich mutigen Frau: Hilletje Jans, ein kleines Mädchen aus Utrecht, steht durch den Tod ihrer Eltern plötzlich allein da, allein in einer Zeit, in der unter den Armen nur die Stärksten überleben. Hilletje wird nach Amsterdam zur Herberge einer Tante geschickt. Ohne diese zu kennen und zu wissen wo Amsterdam liegt, macht sich Hilletje auf den Weg. Bedroht, bestohlen und durch Hunger und Kälte geschwächt, erreicht sie schließlich ihr Ziel. Der Tante passt Hilletjes Erscheinen gar nicht und sie will sie wieder fort schicken. Nur mit dem Versprechen, als Sündenbock für einen versehentlichen Mord herzuhalten, den ihre Cousine verübt hat, darf sie bleiben und wird zu sieben Jahren Haft im Spinnhaus verurteilt.

Nach ihrer Entlassung kehrt Hilletje zur Herberge ihrer Tante zurück und wird dort nur widerwillig aufgenommen. Sie muss tagein, tagaus harte Arbeit verrichten und wird von allen gedemütigt und unterdrückt. Als sie es eines Tages nicht mehr aushält, verkleidet sie sich als Mann und verlässt die verhasste Tante und deren Herberge. Unter ihrem neuen Namen "Jan Hille" heuert Hilletje als Matrose auf einem Schiff Richtung Süden an und verlässt auf der "Guten Hoffnung" die Niederlande. Durch harte Arbeit und einen wachen Verstand arbeitet sie sich nach oben und wird, als der Kapitän an Skorbut stirbt, selbst zum Kapitän der "Guten Hoffnung". Als sie das Schiff durch eine List vor Piraten bewahrt, erlangt sie in der Seefahrt große Berühmtheit und wird zum Held – und somit zum Traum vieler Frauen.

So soll "Kapitän Jan Hille" bei Rückkehr des Schiffs nach Amsterdam als Zeichen der Anerkennung mit einer vornehmen Tochter der Stadt verheiratet werden. Hilletje willigt in die Hochzeit ein, woraufhin ihr Rollenspiel enttarnt wird. Da sie sich durch den Rollentausch und die damit „erschlichene” Hochzeit todeswürdiger Delikte schuldig gemacht hat, wird ihre Hinrichtung gefordert. Schließlich wird jedoch der holländische Prinz als Richter in dieser Sache herbeigerufen, der Hilletje am Ende freispricht.

Dieses Stück ist eine nichts beschönigende Geschichtsstunde über das Leben im 18. Jahrhundert, umgesetzt mit allen wunderbaren Mitteln, die unser Theater zu bieten hatte: ein aufregendes Bühnenbild und Kostüme, die der Handlung und Zeit gerecht wurden, hinreißende Musik, eine spannende Handlung mit der rauen prallen Sprache, die ihr übriges tat, um das düstere Hafenviertel Amsterdams zum Leben zu erwecken, eine Gegend wo Armut und Reichtum, Laster und Tod, Suff, Mord und Menschenverachtung sich die Hand reichten. Ein Menschenleben zählte nichts und das eines kleinen Waisenmädchens schon hundertmal nichts.

Ich hatte und habe ein Faible für Häfen und Schiffe und fühlte mich in meinen Rollen mehr als sauwohl in dieser Inszenierung, in der neben Sarah Mark noch Rita Reineke, Anne Richter, Udo Dülme und Andreas Richter in viele Rollen schlüpften. Ich hatte das große Glück, dass ich auch meiner Leidenschaft fürs Trommeln nachgehen konnte. Anne Richter mit ihrer Geige und ich mit einer großen alten Landsknechtstrommel führten parallel zu unseren Rollen im Stück auch als Geschichtenerzähler durch Ad de Bonts wunderbares Sittengemälde. Da wurde getreten und geschlagen, gefurzt, gerülpst und gespuckt, und „Theresa ohne Titten” kam genauso vor wie ein Kackstuhl. Und wenn wir auf der Bühne die „Gute Hoffnung” erstehen ließen und Segel setzten, dann hatte ich wirklich das Gefühl, dem fliegenden Holländer gleich durch die raue See über die Weltmeere zu fliegen (Danke, Laurentiu).

Rainer Kessler von den Bergischen Blättern kam in seiner Kritik genau wie ich im Moment geradezu ins Schwärmen: "Wie gewohnt mit äußerster Liebe zum Detail wird die Geschichte des Mädchens Hilletje Jans erzählt. In der Titelrolle Sarah Mark. Es fällt schwer eine Darstellerin oder Darsteller aus diesem durchweg starken Ensemble hervorzuheben, die zudem fast alle Mehrfachrollen bewältigten. Der souveräne Uwe Weinreich war gewohnt gut drauf. Anne Richter voller Anmut, sehenswert wie sie die Geige beherrscht. Aber Sarah Mark war doch etwas Besonderes. Ihr gelang es, jede Situation, sei es Freude oder Trauer milimetergenau zu treffen. Verblüffend, wie sie von der gebeutelten Hilletje zum selbstbewussten Jan umschaltete. Als hätte sie einfach die Maske gewechselt. Vielleicht war es auch so, aber das können nur wenige. Jedenfalls auf der Bühne.
Ja, und da wären wir auch wieder bei Herwig Marks Vorschlag an die Kinder, sich nur ja nicht unterbuttern zu lassen. Mutig müsst ihr sein, schallt es aus dem Stück, denn klug seid ihr ja sowieso. Raus aus dem Schlamassel tönt es aus der Kulisse, aber tun müsst ihr was. Und warten bis euch einer hilft, also da könnt ihr lange warten. Es ist immer die gleiche Botschaft, die Mark „seinen” Kindern zuruft und er wird nicht müde sie zu wiederholen. Dieses Theater macht Kindern Spaß. Und es macht ihnen Mut. Was will man sonst noch verlangen?"

Danke Herr Kessler, besser hätte ich es auch nicht sagen können.

Die Sommerferien 1995 lagen so unglücklich, dass wir im Juni unsere zweite Inszenierung herausbringen mussten. Was sollen wir spielen? Ach, lass uns doch nochmal Tiger und Bär herausholen. Mit anderen Worten, wir wollten wieder Janoschs bekannteste Figuren auf die Bühne bringen. Wir waren uns allerdings einig, dass es nicht eine der vielen Tiger-und-Bär-Fortsetzungen sein sollte, die den Buchmarkt überschwemmten, sondern wir kehrten zurück zum Anfang. „Oh wie schön ist Panama”, 9 Jahre zuvor schon einmal gespielt, ist nach wie vor das schönste aller Tiger-und-Bär-Abenteuer und sicherlich durchaus geeignet, nach einer Dekade noch einmal auf die Bühne gebracht zu werden.

Udo Dülme und ich verkörperten, fast wie ein altes Ehepaar, wieder Bär und Tiger. Friederike Halbach und Gerit Jech teilten sich all die anderen Tiere, denen wir auf dem Weg nach Panama begegneten, Kuh, Fuchs, Gans, Maus und Igel.

Picasso hatte seine rosa und blaue Phase, Laurentiu Tuturuga läutete mit dem Bühnenbild für „Oh wie schön ist Panama” seine weiße Phase ein. Während der Erstling noch sehr detailgetreu dem Bilderbuch Janoschs entsprungen schien, hüllte Laurentiu diesmal alles in sehr lichte bis weiße Farben und setzte zusätzlich Projektionen ein. Auch Udo Dülmes und mein Kostüm waren „modernisiert”. Da wir uns darin aber absolut nicht wohlfühlten, beschloss Herwig Mark nach einigen Vorstellungen, doch wieder auf die alten Wollteile zurückzugreifen, die es übrigens bei uns im Kostümfundus immer noch gibt.

Auf meine Tigerente musste ich während der Aufführungen besonders achtgeben. Viele Kinder hätten sie mir am liebsten entrissen, und mancher Vater fragte mich, ob er sie mir nicht abkaufen könne. Die Antwort war immer ein klares: „Nein”. Und so lebt die Tigerente immer noch. Wer weiß, vielleicht wird sie ja eines guten Tages wieder Bühnenluft schnuppern können. Von uns dreien hat sie sich trotz ihrer 25 Jahre eindeutig am besten gehalten. Für den Flyer, der zu dem Stück gedruckt wurde, hatte Laurentiu die Idee, dass Udo und ich uns bei unseren alten Kostümen im Fundus zurückmelden sollten. So entstanden die Bilder, die ihr euch in der Fotoübersicht anschauen könnt.

Das Jahr endete wieder märchenhaft orientalisch mit „Der kleine Muck” von Wilhelm Hauff. Der kleine Muck wird als junger, unbedarfter Mann nach dem Tod seines Vaters von den Verwandten fortgejagt, da er wegen seines zwergenhaften Wuchses kein Handwerk gelernt hat und für keine Arbeit geeignet scheint. In einer fremden Stadt findet er Unterkunft und eine Anstellung bei der etwas sonderbaren Frau Ahavzi, deren Katzen und Hunde er zu versorgen hat. Bald muss er aus dem Dienst fliehen, hält sich aber für vorenthaltenen Lohn und ungerechte Bestrafungen schadlos, indem er zwei Gegenstände aus dem Haus der Frau Ahavzi mitnimmt, die, wie sich herausstellt, magische Kräfte besitzen: Ein Paar Pantoffeln, in denen er schneller als jeder andere Mensch laufen und zu jedem beliebigen Ort fliegen kann, und einen Spazierstock, der vergrabene Schätze offenbart.

In einer neuen Stadt erlangt er dank seiner Pantoffeln die Gunst des Sultans und eine Stellung als königlicher Kurier, aber auch den Neid der übrigen Bediensteten des Sultans. Als der kleine Muck mit Hilfe seines Spazierstocks einen vergessenen Schatz im Schlossgarten entdeckt und sich mit dem Gold die Freundschaft aller Neider erkaufen will, wird er bald des Diebstahls bezichtigt, fällt beim Sultan in Ungnade und wird ins Gefängnis geworfen. Sein Leben und seine Freiheit werden ihm geschenkt, nachdem er dem Sultan die Macht seiner Zaubergegenstände verrät. Er wird aber ohne diese aus der Stadt verstoßen.

Durch Zufall entdeckt der kleine Muck bald darauf zwei Feigenbäume, mit deren Früchten er seinen Racheplan ausführen kann: Der Genuss der einen Sorte Feigen lässt einem Menschen riesige Eselsohren und eine lange Nase wachsen, durch Essen von dem anderen Baum wird die Gestalt wieder normal. Als Händler verkleidet schmuggelt der kleine Muck die erste Sorte der Feigen auf die Tafel des Sultans, um wenig später als Gelehrter die zweite Sorte als Heilmittel für die Missbildungen des Sultans und seines Hofstaates anzubieten. Nach einem Beweis der Wirksamkeit seiner Kur führt der Sultan den kleinen Muck in die Schatzkammer, um sich eine Belohnung auszuwählen. Dieser ergreift sofort seine Zaubergegenstände, gibt sich als kleiner Muck zu erkennen und fliegt mit Hilfe der Pantoffeln in die Heimat zurück, den treulosen Sultan zur Strafe mit missgebildetem Gesicht zurücklassend.

Matthias Stoffels spielte den kleinen Muck, und es war seine allererste Rolle bei uns. Er meisterte diesen Einstand mit Bravour und erhielt auch seitens der Kritik viel Anerkennung. Ihm zur Seite standen alles erfahrene Hasen wie Udo Dülme, Knut Heiman, Claudia Eberbach-Pape und Rainer Kreusch.

Über etwas ganz Besonderes möchte ich euch noch am Ende berichten. Ihr habt ja sicherlich direkt oder auch zwischen den Zeilen lesen können, dass seit dem Wechsel des Theaters zu Herwig Mark ein ganz neuer Wind wehte, ein warmer Wind würde ich sagen; denn wenn man bisweilen Theatern im Allgemeinen und Schauspielern im Speziellen Oberflächlichkeit und Neid untereinander nachsagt, der Umgangston oft jenseits jeglicher Ethik ist, so zog mit Herwig bei uns ein sehr warmer und freundlicher Ton ein. Und ein Ausdruck dieses warmherzigen Umgangs waren die sogenannten "Toitoichen".

Was, ihr wisst nicht, was das ist?

Jeder, der in einer Inszenierung beschäftigt war, sei es der Schauspieler, der Techniker, ob LKW-Fahrer oder die Sachberarbeiterin im Büro, alle wurden zur Premiere mit einem Toitoichen bedacht.

Das konnte ein Button mit einem Foto sein, eine Indianerfeder (zu Hannes Strohkopp) oder eine gefaltete Dreimastbark (Hilletje). Immer gab es vor der Premiere von Herwig ein kleines Geschenk, auf dem "Toi Toi Toi" und das Datum stand, und mit dem Herwig uns viel Glück wünschen wollte.

Zum kleinen Muck gab es einen kleinen goldenen magischen Schuh, der nicht nur Muck, sondern auch uns Glück bringen sollte. Herwigs Familie, vor allem Ingrid, aber auch Sarah und Felix waren Wochen vorher damit beschäftigt, diese Toitoichen herzustellen und zu beschriften. Da wurde geschnitten, geklebt, gefaltet und Salzteig geformt. Ich habe für all meine Toitoichen eine eigene Schublade und von Zeit zu Zeit nehme ich sie in die Hand und erinnere mich. Wir haben diese wunderbare Tradition bis heute aufrecht erhalten.

Bis nächste Woche
Euer Uwe