40 Jahre - 1997

Kapitel 27 (1997)

von Uwe Weinreich

Wir befinden uns zusammen im Jahr 1997 und ich will euch, nein, ich muss euch in diesem Jahr mit einigen Zahlen konfontrieren; denn aus Sicht der Zahlen sollte es ein ganz außergewöhnliches Jahr werden.

Lag es am ausgeklügelten Spielplan?

War es die Werbung durch unser 25jähriges Jubiläum, die noch nachwirkte?

Wir werden es nie ergründen!

Am Ende dieses Jahres sollten wir auf stolze 23160 Zuschauer in 89 Vorstellungen zurückblicken können. Das ist absoluter Rekord und wurde nie wieder erreicht, geschweige denn überboten.

Das Jahr fing schon traumhaft an. Wir spielten immer noch unser Sams aus dem Vorjahr und auch die Schneekönigin konnte noch einige Vorstellungen verzeichnen. „Neue Welt mit roten Nasen”, unser Jubiläumsstück, kam jetzt richtig ins Rollen. 13 mal schmissen wir uns in die Clownkostüme. Wohlgemerkt, wir hatten schon 30 Vorstellungen gespielt, davon aber noch keins der geplanten Stücke für 1997. Es wurde ein tolles Jahr.

Für den Beginn hatten wir uns gleich einen ordentlichen Brocken aufgehalst bzw. hatte uns Gabi Röder einen wahrlich „dicken Fisch” geangelt, indem sie die Rechte für dieses Stück ergatterte: „Tabaluga”,

Tabaluga, ein kleiner grüner Drache, ist eine auf Kinder ausgerichtete Märchengestalt, die ursprünglich vom deutschen Rocksänger Peter Maffay, Kinderliedermacher Rolf Zuckowski und langjährigen Maffay-Textautor Gregor Rottschalk erdacht wurde. Das Thema kreierten sie 1983 zunächst nur für die Umsetzung als Konzeptalbum in Form eines Rockmärchens. Tabaluga, dessen Gestalt der Kinderbuchautor und -illustrator Helme Heine entwickelte, lebt in „Grünland” und ist inzwischen 7 Jahre alt, wobei jedes Drachenjahr 100 Menschenjahren entspricht.

Tabluga erreichte einen unerhört großen Bekanntheitsgrad. Bücher, TV-Serie, Musicals, CDs, DVDs und nicht zuletzt Maffay selbst mit mehreren Tabaluga-Tourneen trugen dazu bei, dass nahezu jedes Kind Tabaluga kannte. Zahlreiche Kindergärten tragen seinen Namen und Peter Maffay gründete eine Tabaluga Stiftung, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, für traumatisierte Kinder wieder lebenswürdige Bedingungen zu schaffen. Auch unsere Tentiemen wanderten in diese Stiftung.

Vor langer, langer Zeit versucht Arktos, der Herr des Eises, die Welt zu beherrschen. Alles, was nicht kalt und weiß ist, ist ihm zuwider, und so bedeckt er die Natur mit Schnee und Eis. Die Bewohner einer letzten grünen Oase fürchten, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sie tiefgefroren in Arktos Museum stehen werden. Die feuerspeienden Drachen, die dem Herrn der Kälte etwas entgegenzusetzen hätten, sind ausgestorben. Doch ein Drachenei hat Arktos’ Wirbelstürme und Schneelawinen überstanden: Tabaluga wird geboren. Wie aber soll ein tapsiges, kleines Drachenkind das Paradies retten? Wie kann er das Drachenfeuer in sich entzünden.

Das Bühnenstück ist vom Inhalt eine Mischung aus allen drei Tabaluga-Büchern, basiert aber zum größten Teil auf der Geschichte des ersten Bandes „Tabaluga oder die Reise zur Vernunft”. Es war ein großes Stück Arbeit, mehrere Choreographien wurden einstudiert und natürlich wurde versucht, die Musik von Peter Maffay adäquat umzusetzen.

Nicole Reith, bereits selbst in einigen Stücken als Schauspielerin aktiv gewesen, entwickelte die Tänze und studierte sie mit uns ein. Besonders die Samba tanzenden Bienen waren ein tänzerisches Highlight. Matthias Burkert, verantwortlich für die Musik, hatte versucht, die Maffay’schen Ohrwürmer ein wenig zu brechen und ihnen den Schmelz zu rauben, was der Aufführung gut tat. Herwig Mark wollte eben nicht das Maffay-Musical nachspielen, bei dem spätestens beim Nessaja Lied „Ich wollte nie erwachsen sein” die Feuerzeuge angehen und die Zuschauer schunkelnd mitsingen. Nein, das wollte Herwig nicht. Ich, der ich mir dieses Lied tagelang im Auto durch Peter Maffay auf die Ohren gedröhnt hatte, musste total umlernen. Nein, ich durfte keine schmelzende Ballade zum Besten geben, sondern musste in tiefer Bauchlage, den Mund zwei Zentimeter über dem Bühnenboden, mit der Stimme einer 100jährigen Schildkröte mehr sprechend als singend „nie erwachsen sein”.

Laurentiu Tuturuga hatte sich, wie ein Kritikus schrieb, selbst übertroffen. Mit einfachen Mitteln, die jeden Umbau überflüssig machten, ließ er eine Landschaft entstehen, die Drachenhöhle, das Rabennest, das Eisschloss Arktos, ein Bienenstock, das Reich der Delfine oder einfach nur eine Wiese war. Er hatte sich dabei einen Kniff ausgedacht, indem er alle Bühnenwände, weiß im Grundton, mit Keith-Harring-artigen Linien versah. Genauso waren auch unsere Kostüme. Alle bis auf Tabaluga trugen einheitlich weiße, körperbetonte Einteiler, die mit der gleichen Struktur bemalt waren. (Das Bemalen der Farben geschah übrigens direkt am Objekt, nämlich uns. Ich spüre jetzt noch das prickelnd juckende Gefühl beim Trocknen der Farben.) Die eigentlichen Kostüme waren immer nur irgendwelche Accessoirs, die wir zusätzlich anzogen. Waren wir „spielfrei”, verschmolzen wir optisch mit den Wänden.

David Becher schlüpfte in das hautenge Drachenkostüm und durfte in das riesige Drachenei aus Styropor schon vor Einlass der Zuschauer verschwinden, um dann mit Beginn der Vorstellung aus diesem Ei geboren zu werden. Tobias Wessler war Arktos, und ich durfte Tabalugas Drachenvater Tyrion und auch die weise Schildkröte Nessaja spielen. Ferner erinnere ich mich noch, dass Knut Heimann, Suzana Sucic, Sarah Mark, Udo Dülme und Mark Wagenbach in wechselnden Rollen von der Partie waren.

Manchmal ist es gar nicht so einfach, eine Besetzung zu rekonstruieren, wenn weder Besetzungsliste noch ausreichendes Fotomaterial zur Verfügung stehen. Sollte ich also noch jemanden vergessen haben, meldet euch bei mir, ich werde es natürlich nachtragen. Tabaluga entwickelte sich zum Kassenschlager. 24 mal hob sich der Vorhang (im übertragenden Sinne).

Bevor ich zu unserem Jugendstück springe, ganz schnell noch eine Anekdote: Das Bühnenbild entstand in der Buschstraße in unserer Werkstatt, auch das sehr große, hohle Styroporei, das Tabaluga beherbergen sollte. Leider hatte man versäumt, den Türrahmen zu messen, durch den das Ei aus der Werkstatt transportiert werden sollte. Es sollte sich nämlich herausstellen, dass es keine Möglichkeit gab, das Ei nach draußen zu befördern. Kurz entschlossen entschied man sich, nicht das Ei sondern die Tür „passend zu machen”.

Aber jetzt zu den Physikern, unserem Jugendstück. „Die Physiker” von Friedrich Dürrenmatt ist ein typischer Schullesestoff, und es schien uns ein geeignetes Stück zu sein, vielleicht ein wenig mehr Jugendliche in unser Theater zu bringen. Wir sollten uns getäuscht haben.

Das Titelbild unseres Flyers zu diesem Stück zierte das Bild eines Schafs, das gerade durch alle Gazetten ging: Dolly. In Schottland war es gelungen, ein Schaf zu klonen. Es war Dolly. Eine neue Diskussion über Sinn und Unsinn der Freiheit der Wissenschaft war entfacht. Was darf ein Wissenschaftler? Gibt es Grenzen für das Forschen? Alle diese Fragen hatte sich auch Friedrich Dürrenmatt gestellt, als er 1961 seine Komödie „Die Physiker” veröffentlichte und das Stück ein Jahr später am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt wurde. Zwar ging es in den 60ern nicht um das Klonen von Lebewesen (ich weiß gar nicht, ob es das Wort schon gab), sondern um die Kernspaltung, die als Fluch oder Segen angesehen wurde.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen drei Physiker, die sich als Geisteskranke ausgeben. Der erste von ihnen behauptet, Albert Einstein zu sein, der zweite hält sich für Isaac Newton, und der dritte, Johann Wilhelm Möbius, hat die so genannte Weltformel entdeckt, die in den falschen Händen zur Vernichtung der gesamten Menschheit führen könnte. Mit seiner Behauptung, ihm erscheine König Salomo, will er sich selbst unglaubwürdig machen und so dem Missbrauch seiner revolutionären Entdeckung vorbeugen. Newton und Einstein hingegen sind in Wahrheit Agenten rivalisierender Geheimdienste und haben sich nur ins Irrenhaus einweisen lassen, um an Möbius’ Erkenntnisse zu gelangen und diese für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

Die drei Physiker ermorden ihre Krankenschwestern, weil sie um ihre Geheimnisse fürchten. Als die Polizei bei ihren Ermittlungen der Todesfälle eintrifft, vernichtet Möbius seine Formel. Es gelingt ihm, auch seine beiden Kollegen davon zu überzeugen, ihr gefährliches Wissen zu verschweigen, damit die Welt vor dem Untergang bewahrt werde. Doch der Pakt der Physiker kommt zu spät. Mathilde von Zahnd, die missgestaltete Besitzerin und Chefärztin des Irrenhauses, hat bereits Möbius’ sämtliche Aufzeichnungen kopiert. Als die einzig wirklich Verrückte glaubt sie tatsächlich, im Auftrag König Salomos zu handeln, und will mit der Formel die Weltherrschaft erringen. Die Physiker aber, durch die von ihr initiierten Morde öffentlich als Verrückte gebrandmarkt, bleiben im Irrenhaus eingesperrt und haben keine Möglichkeit mehr, Zahnds Pläne zu verhindern.

Das Schaf Dolly spielte auch im „excellenten und detailverliebten Bühnenbild” (WZ) eine große Rolle, war es doch die ganze Zeit präsent, um am Ende den Zuschauern sein Hinterteil zu zeigen. Die Kritik war voll des Lobes über Herwig Marks Inszenierung, die ganz im Sinne Dürrenmatts Tragikkomödie die Lächerlichkeit im Tragischen zeigen will und auf platte Lacher verzichtet. Rita Reineke (Dr. von Zahnd), Tobias Wessler („Einstein”), Udo Dülme („Newton”), Dieter Marenz (Kriminalinspektor Voß) und vor allem Rainer Kreusch („Möbius”) wurden von der Kritik mit Lob überschüttet. Aber alles das half nichts, um nach der abgespielten Serie von „Die Physiker” zum wiederholten Male die Diskussion über das Für und Wider von Jugendstücken zu führen. Bisher galt dann immer die Formel: 'Wenn das restliche Jahr gut läuft, dann leisten wir es uns, das Jugendstück auch mit Verlusten zu inszenieren, weil wir es uns zur Aufgabe gemacht haben, auch und gerade im Jugendbereich aktiv zu sein.' Würden wir nur nach den Zahlen schielen, würden wir sehr schnell im Biene-Maja-Benjamin-Blümchen-Genre verkommen. Und genau das wollen wir nicht.

Und dann lagen schon wieder die ersten Spekulatius in den Geschäften, ein sicheres Synonym dafür, dass sich das Jahr dem Ende zuneigt. Wir spielten das Märchen aller Märchen, nämlich „Schneewittchen”. Wie schon 1985 wählte Herwig Mark die Bearbeitung von Carlo Formigoni. Wenn ihr jetzt mit Schneewittchen und Formigoni überhaupt nichts anfangen könnt, so bitte ich euch doch einmal  Kapitel 15 (1985) von „40 Jahre in 40 Wochen” aufzuschlagen. Da bekommt ihr alles haarklein erklärt.

Natürlich gab es 12 Jahre nach der Erstaufführung ein neues verjüngtes Ensemble, und vor allem waren es wieder die sieben Zwerge, die zum Publikumsliebling wurden. Es machte auch wirklich einen Höllenspaß, nur als Handpuppe agierend im Pulk mit sechs anderen die ganze Lust am Theaterspiel auf die Puppe zu fokussieren, selbst aber unsichtbar zu bleiben. Ich durfte einige Male vertretungsweise als Zwerg einspringen und habe es sehr genossen, zumal ich wieder einmal dadurch die Möglichkeit hatte, zusammen mit meinem Sohn Ole in einer Inszenierung aktiv zu sein. Die Fotos stammen übrigens alle von einer der Hauptproben und zeigen sehr schön, wie einige Tage vor einer Premiere immer noch Hand angelegt wird seitens Regie, Bühnenbild oder Schneiderei.

Ich fing das Jahr mit Zahlen an und möchte es auch so beenden. Um noch eins oben drauf zu setzen, habe ich mir die Spielzeit 1996/97 angeschaut (ihr wisst: Theater rechnen eigentlich nicht in Kalenderjahren, sondern in Spielzeiten, die jeweils die Theaterferien aussparen), und da kommen wir auf sage und schreibe 96 Aufführungen mit insgesamt 25453 Zuschauern.

Irgendetwas haben wir in dieser Spielzeit überaus absolut und sehr richtig gemacht (da sprach gerade der kleine Tiger aus mir), wobei dies vor allem für Gabi Röder und Herwig Mark gilt.

Ich entlasse euch staunend.

Bis nächste Woche
Euer Uwe