40 Jahre - 1998

Kapitel 28 (1998)
von Uwe Weinreich

Was war eigentlich 1998? Gab es etwas Besonderes? Irgendetwas, das herausragte? Also mir fällt partout nichts ein, außer euch interessiert, dass die weißgehörnte Heidschnucke und der Altdeutsche Hütehund Haustiere des Jahres geworden sind.

Nein, interessiert euch nicht. Aber euch interessiert, was im Wuppertaler Kinder- und Jugendtheater passierte. OK, euch kann geholfen werden. Am 7. März hatte ein Theaterstück Premiere, das vom Titel her vielleicht eher bei Karl May angesiedelt wird: „Hannes Strohkopp und der unsichtbare Indianer”, aber aus der Feder von Janosch stammt. Ohhh, ich hör’ euch schon rufen, bitte nicht schon wieder kleine Tiger und kleine Bären. Versprochen, dieses Stück ist absolut tiger– und bärenfrei, großes Indianerehrenwort. 1990 schrieb Janosch diese Geschichte, die auch bisweilen unter dem Titel „Du bist ein Indianer Hannes” oder einfach nur „Hannes Strohkopp” zu finden ist.

Auf einen kurzen Nenner gebracht, erzählt uns die Geschichte, dass auch ein „ewiger Verlierer” gewinnen kann, wenn er nur an sich glaubt.

Dieser ewige Verlierer ist Hannes Strohkopp. Er hat überhaupt kein Selbstvertrauen. Deshalb schreibt er an seinen Onkel Jonas. Der ist Trapper in Übersee und schickt ihm mit Hilfe eines Zauberpulvers den starken, unsichtbaren Indianer Ibi Upu (in unserer Inszenierung hieß er Joao). Dieser begleitet ihn von nun an überall hin, um ihn zu beschützen. Hannes gewinnt an Selbstvertrauen, niemand mag ihn mehr hänseln, und auch in der Schule gehört er bald zu den Besten. So kann Ibi Upu schon bald wieder in seine Heimat zurückkehren. Denn Hannes kann ja nun alles allein.

Herwig Mark probierte eine ganz neue Art des Theaterspielens aus. Drei Schauspieler Silke Schober, Udo Dülme und ich spielten alle Rollen des Stücks. Dies geschah im laufenden Wechsel. „Wer den Strohhut aufhat, ist Hannes”. In der Tat war die Hauptrolle Hannes durch den Strohhut gekennzeichnet, der laufend hin und her flog. Mal war ich Indianer Joao, mal Schleicher, widerlicher Widersacher von Hannes, dann wieder Eule im Wald oder Lehrer, gleich darauf – Achtung der Strohhut kommt geflogen – Hannes selbst.

Wir spielten in einem kargen Bühnenbild, das uns viel Platz ließ für manchmal ausuferndes Spiel. Viele Requisiten und auch Musikinstrumente halfen uns dabei. Etliches wurde aber auch nur pantomimisch dargestellt. Fußballspielen ohne Fußball ist wesentlich einfacher als mit. Ostereier bemalen funktioniert auch recht einfach, wenn man auf Eier und Farben verzichtet. Wir wirbelten umher, sangen, sprangen, tanzten und musizierten. Es war ein schweißtreibendes Stück, waren wir doch über die gesamte Länge konstant auf der Bühne, meistens in Bewegung; aber es war saugut.

Es hat uns und vor allem dem jungen Publikum richtig viel Spaß gemacht. Alles wäre aber nur halb so schön gewesen, hätten wir nicht noch Anna Mateja neben uns auf der Bühne gehabt. Sie hatte in wochenlanger Arbeit mit Matthias Burkert, unserem Chefmusiker, all die Geräusche und begleitenden Musiken erlernt und setzte sie jetzt adäquat um. Dabei war sie absolut präsent auf der Bühne, so dass die Kinder mitbekamen, woher das knackende Geräusch beim Gehen durch den Urwald oder der Schrei der Eule kam. Da bimmelt Hannes Wecker am Morgen, und da verkünden Trommeln das Nahen des Indianers.

Allein der Entstehungsprozess dieses Stücks war schon aufregend, war es doch ein laufendes Ausprobieren innerhalb der Gruppe, wer welche Rolle zu welchem Zeitpunkt wie umsetzt und wann die Gruppe wieder zusammenfindet um z. B. das wunderbare Hannes-Strohkopp-Lied zu singen. Dieses Stück war von Anfang bis Ende richtige Teamarbeit zwischen uns Vieren auf der Bühne und Matthias Burkert (Musik und Geräusche), Laurentiu Tuturuga (Bühne und Kostüme) und natürlich Herwig Mark (Regie und allgemeines Wohlbefinden).

Passierte etwas Außergewöhnliches? Eigentlich nicht, sieht man mal davon ab, dass Udo sich drei Tage vor der Premiere bei einer unglücklichen Drehung auf einer Leiter einen Bandscheibenvorfall zuzog. Wie gut, dass er in einer orthopädischen Klinik arbeitete, die dafür sorgte, dass er am Premierentag wieder voll einsatzfähig war. Wie gut auch, dass es bei Schauspielern keinen Dopingtest gibt.

Ach ja, und dann war da noch die Vorstellung in Solingen-Wald. Wenn ihr euch zurückerinnern mögt: Ronja Räubertochter, Regen, Regen, Regen, Räuberfleisch. Genau, das war Solingen-Wald. Eine wunderschöne Schule, aber ohne Aula. Man spielt in einer Art offenem Forum, der Teil der Eingangshalle ist. Der Bodenbelag ist Kopfsteinpflaster. Nein, nein nicht Laminat mit Kopfsteinpflastermuster. Wirkliches, hartes rundes Rumpel-Pumpel-Kopfsteinpflaster. Darauf Theater zu spielen und evtl. sogar zu fallen (und Fallen gehört oft zu einer Rolle, vor allem wenn man, wie ich, des öfteren Tolpatsche spielt), ist schon eine echte Herausforderung. Ich sage euch, diese blauen Flecken zeigt ihr noch euren Enkelkindern. Aber diesmal ging es gar nicht so sehr um das Pflaster, sondern darum, dass es eben keine Bühne gab und das gesamte Bühnebild mit seinen Podesten, Treppen und Rampen so aufgebaut werden musste, dass alles hinter uns statt vor uns war. Alle Handlungen mussten wir permanent „Verdrehen”. Aber wie sag’ ich immer: „Es kann passieren was will. Es ist wenigstens immer noch gut für eine anständige Geschichte”. Diese hab’ ich hiermit abgeliefert.

Die Mitte des Jahres wurde durch Peter Härtling und seinem Stück „Fränze” besetzt. Peter Härtling, Jahrgang 1933, ist einer der ganz Großen der deutschen Literatur, vor allem aber auch der Kinder- und Jugendliteratur. Fränze entstand 1989 und erzählt die Geschichte eines 12jährigen Mädchens.

Sie hat grüne Augen, was selten ist – aber sonst ist Fränze eine wie andere auch. Und doch ist sie anders. Jedenfalls ist sie jemand, der sich Gedanken macht, Gedanken z. B. warum ihr Vater Johannes immer häufiger betrunken nach Hause kommt und dann oft die Mutter schlägt. Sie muss auch verstehen, warum er sich einschließt, ohne in ein anderes Zimmer gehen zu müssen; warum ihn Fränze am helllichten Tag dort entdeckt, wo sonst nur die „Asis” stehen – am Kiosk mit einer Flasche Bier in der Hand; und warum er schließlich auszieht und die Familie einfach so verlässt. Natürlich gibt es dafür Gründe (wie die Scham des Vaters, arbeitslos geworden zu sein), aber sie erklären längst nicht alles. Und schon gar nicht das, was – neben der Arbeit – schon alles stillgelegt wurde: das Familienleben zum Beispiel, die Freude, dass man sich lieb hat, dass man gern zur Schule gegangen ist.

Aber weil Fränze das alles so gar nicht akzeptieren will, wird sie tatkräftig: Sie spielt Geige in der U-Bahn für Johannes und alle Arbeitslosen – und landet damit prompt in der Zeitung. Sie verfolgt ihren Vater und sucht Hilfe in einem Brief an Opa Friedrich. Auch mit Mams kommt sie nicht mehr zurecht. Von der Schule gar nicht zu reden. Fränze würde oft viel lieber heulen, den Kopf steckt sie aber nicht in den Sand. Fränze ist mutig und zugleich verzweifelt. Aber sie setzt etwas in Bewegung.

Die Geschichte kennt kein Friede-Freude-Eierkuchen-Ende. Im Gegenteil: viel hat sich geändert. Ohne dass sie es wollte, ist Fränze ein gutes Stück älter geworden – und mutiger. Und musste dabei lernen, dass im Leben nicht alles nach Plan läuft.

Härtling ist in all seinen Geschichten immer Anwalt der Kinder, wenn er den Alltag von Familien zeigt, in denen Erwachsene nicht mehr klar kommen, nicht mehr weiter wissen, nicht mehr die starken Schultern sind, an denen man sich ausweinen kann, nicht mehr die Helden der Kindheit sind. Er zeigt in klarer, einfacher, aber umso eindringlicherer Sprache, was in Kindern vorgehen kann, wenn das Familienleben plötzlich nicht mehr seinen gewohnten Gang geht. Pubertät, Tod, erste Liebe, Behinderung, alles Themen, die Härtling auf seine einfühlsame Art und Weise zum Thema seiner Bücher macht, reichlich Grund genug, ihn immer wieder auch auf die Bühne zu bringen.

Fränze war Constanze Heber und Constanze Heber war Fränze. Anders kann ich die großartige Leistung, sich in dieses Mädchen hineinzuversetzen und ganz ehrlich und glaubhaft ’rüberzubringen nicht beschreiben. Und sie spielte Geige, live und in Farbe, ohne Netz und doppelten Boden, so wie überhaupt die ganze Inszenierung war. Aber auch die drei anderen Darsteller, Fränzes Mutter (Claudia Eberbach-Pape), ihr Vater (Tobias Uhl) und Opa Friedrich (Udo Dülme) stehen ihr nicht nach. Die Bearbeitung des Buchs für die Bühne besorgte ein „Eigengewächs”. Stefan Schröder, junger Theaterwissenschaftler schrieb die dramatisierte Fassung und Peter Härtling segnete seine Fassung persönlich ab. Leider konnte er aus gesundheitlichen Gründen nicht wie angekündigt zur Premiere kommen. Er hätte seine helle Freude gehabt an unserer, seiner Fränze.

Auch für unser Weihnachtsstück war Stefan Schröder aktiv. Wir spielten seine Version des Märchens „Die Schöne und das Tier”, Heidi Loos war die Schöne und Georg Tielmann das Tier. Der eigentliche Hauptdarsteller war aber ein großer Theaterkarren, so wie er in vorigen Jahrhunderten von Ort zu Ort gezogen sein mag, um dort geschwind auf dem Dorfplatz zur Bühne zu werden. Die Bevölkerung strömte herbei, nachdem sie zuvor die „Wäsche von der Leine genommen hatte” und ergötzte sich an dem Theaterspiel unter freiem Himmel. Von allen Seiten zu bestaunen, spielte man Geschichten aus dem Leben, Trägödie und Komödie zugleich, um danach mit dem Hut herumzugehen und ein paar Groschen oder Taler einzusammeln.

Und genau so einen Theaterwagen hatte Laurentiu Tuturuga erdacht, und Susanne Zeibig und Bianka Buße hatten ihn gebaut. Und wie auf unserem Dorfplatz vor hunderten von Jahren entwickelte sich auch hier das Spiel, von Gauklern durch das Stück geführt, um die Schöne und das Tier, jenem französischen Märchen „La belle et la bête”, das Walt Disney einige Jahre zuvor mit Schmalz verklebt hatte. Anerkennend hob die Presse hervor, dass unsere Interpretation nicht im Disney-Kitsch versunken war.

Belles Vater, ein reicher Kaufmann, erfährt, dass sein Schiff gesunken ist und er sein ganzes Vermögen verloren hat. Seine hochnäsigen Töchter machen ihm Vorwürfe, nur seine Tochter Belle versucht, ihn zu trösten. Bei dem Versuch, in der Stadt wieder aufs Neue sein Glück zu versuchen, verirrt er sich auf dem Weg dorthin. Er gelangt in ein verwunschenes Schloss, in dem ein Prinz wohnt, den eine Fee vor langer Zeit wegen seiner Lieblosigkeit für immer in ein abscheuliches wildes Tier verwandelt hat. Belles Vater wird freundlich im Schloss aufgenommen. Gerührt von der unerwarteten Gastfreundschaft des Tiers wandelt die Fee den Fluch ab: Wenn es dem Tier gelingt, die Liebe einer Frau zu erlangen, bevor ein magisches Licht erlischt, werden er und sein ganzer Hofstaat von dem Zauber erlöst.

Das Tier erfährt von den drei Töchtern, vor allem von der schönen und gütigen Belle. In der Hoffnung auf Erlösung bietet das Tier dem Kaufmann einen Handel an: Wenn er oder eine seiner Töchter auf das Schloss käme und für immer bliebe, werde er mit Truhen voller Schätze belohnt. Der Kaufmann willigt ein. Nach der Rückkehr des Vaters freuen sich die beiden älteren Schwestern nur über den neuen Reichtum, allein Belle macht sich große Sorgen über ihren trübsinnigen Vater. Nachdem sie von seinen Erlebnissen erfahren hat, macht sie sich auf den Weg ins Schloß, um das Versprechen ihres Vaters einzulösen.

Natürlich erschrickt Belle zuerst vor der abstoßenden Gestalt des Tiers. Doch schon bald erkennt sie, dass hinter der furchterregenden Erscheinung ein gutes Herz schlägt. Die beiden kommen sich näher. Doch in Belle regt sich Heimweh und Sorge um den Vater. Gerührt von ihren Tränen, gewährt ihr das Tier einen Blick in einen Zauberspiegel und Belle sieht, wie es ihrem Vater geht. Er ist vor Trauer um Belle krank geworden. Das Tier weiß, dass es nur noch wenig Hoffnung auf Erlösung haben kann, aber ein nie zuvor empfundenes Gefühl für Belle bewegt es, sie schweren Herzens in ihr Dorf zurückkehren zu lassen.

Schon bald stellt Belle fest, dass das Leben im Dorf mit ihren schnatternden, egoistischen und habgierigen Schwestern und dem aufdringlichen Gustav, der schon immer plump um sie geworben hat, für sie nicht mehr in Frage kommt. Sehnsucht nach dem Tier keimt in ihr auf, und gegen den Willen des Vaters kehrt sie ins Schloss zurück. Doch der eifersüchtige Gustav mobilisiert das ganze Dorf, um das Tier zu vernichten und Belle heimzuholen. Mit Gewalt dringt die Meute in das Schloss ein – der ungleiche Kampf beginnt. Belle verfolgt verzweifelt das Geschehen. Ihr wird klar, dass sie das Tier liebt. In letzter Sekunde gesteht sie ihre Liebe und löst damit den grausamen Fluch, der auf dem Prinzen, dem Schloss und allen seinen Bewohnern gelastet hat.

Stefan Schröder brach die Schnörkel des barocken Drumherums der Vorlage von Madame Leprince de Beaumont. Das Moralisierende wurde in Leichtigkeit verwandelt. Unangetastet blieb die einfache Liebe. Auch wenn wir nicht die Disney-Fassung liebten, so profitierten wir doch von dem Medienspektakel, der durch den Film und sogar noch einer Fortsetzung entfacht wurde.

Nach diesem Jahr konnten wir uns getrost in die Weihnachtsferien begeben.

Ich freue mich mit euch schon aufs nächste Jahr.

Bis nächste Woche
Euer Uwe