40 Jahre - 1999

Kapitel 29 (1999)
von Uwe Weinreich

Wir schreiben das Jahr 1999 und jeder, der sich 12 Jahre zurückerinnern kann, wird bestätigen, dass eine gewisse Unruhe durch die Bevölkerung ging: noch ein Jahr bis zur Jahrtausendwende. Nostradamus wurde genauso bemüht wie die Auguren, die den Jahrtausendcrash aller EDV-Systeme prognostizierten, mal abgesehen davon, dass auch bereits diskutiert wurde, ob denn nun eigentlich das neue Millenium am 1.1.2000 oder erst 2001 anfängt, hat es doch kein Jahr 0 gegeben, somit also auch das Jahr 2000 das letzte der 90er Dekade ist...

Schnee von gestern. Ihr seht, die Menschen befanden sich jetzt schon in einer Art Zwischenzustand, zwischen Wahrheit und Glaube, Wissenschaft und Spökenkiekerei (das ist norddeutsch und heißt soviel wie Okkultismus). Lasst uns auf dem Boden der Tatsachen bleiben, zumal wir ja wissen, dass das nächste Silvester sich überhaupt nicht von anderen davor oder danach unterschied. Tatsache ist, dass wir im Kinder- und Jugendtheater „Urmel aus dem Eis” auftauten. Max Kruse, Sohn der bekannten Puppenmacherin Käthe Kruse, dachte sich diese höchst amüsante warmherzige Geschichte aus, die sich an unsere kleinsten Zuschauer richtete. Bereits 1969 erschien der erste von mittlerweile 11 erschienen Bände der Urmel-Serie. So richtig bekannt über alle Grenzen wurde Urmel aber erst, nachdem sich die Augsburger Puppenkiste der Geschichte angenommen hatte.

Urrrmelliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii

Schon mal gehört?

Es sind vor allem die aberwitzigen unterschiedlichen Charaktere mit ihren ganz eigenen Marotten und Unzulänglichkeiten, die uns diese Tiere so sympathisch, so menschlich, machen. Neben den beiden Menschen Professor Habakuk Tibatong und Tim Tintenklecks, dem Adoptivsohn und einer Art Assistent des Professors, leben auf der Insel Titiwu (ein Akronym aus Ti-batong, Ti-ntenklecks und Wu-tz) verschiedene Tiere: Wutz ist das weibliche Hausschwein des Professors und wohnt in einer Tonne neben seinem Haus. Wutz ist das einzige der Tiere, das keinen Sprachfehler hat. Nur ab und zu setzt sie ein „öff”, wenn sie Atem holen muss.

Das Urmel ist der letzte Vertreter der ausgestorbenen Tierart der Urmel, des Bindeglieds zwischen den Dinosauriern und den Säugetieren. Zu der Zeit der Dinosaurier legt Mutter Urmel ein Ei (es hätte also auch „Urmel aus dem Ei” heißen können). Kurze Zeit später bricht jedoch eine Eiszeit an und das Ei wird von Schnee bedeckt. Es friert schließlich im Eis ein.

Lange Zeit später hat der Naturkundeprofessor Habakuk Tibatong (Dieter Marenz) eine Methode entwickelt, Tieren das Sprechen beizubringen. Wegen des Neids und der Angriffe seiner Professorenkollegen muss er seine Heimat verlassen und sich mit Tim Tintenklecks (Adi Taha), einem kleinen Waisenjungen, und dem sprechenden Hausschwein Wutz (Katja Schweizer) auf der kleinen Insel Titiwu niederlassen. Auf der Insel leben auch noch andere Tiere, denen Tibatong das Sprechen beigebracht hat. Es handelt sich um den Pinguin Ping (Ina Isringhaus), der Probleme mit dem „sch” hat und neidisch ist auf die „Mupfel” in der Waran Wawa (Jan Backhaus) gerne liegt, den See-Elefanten Seele-Fant (Uwe Weinreich), der den ganzen Tag traurige Lieder singt - „Öch weiß nöcht, was soll ös bedeuten, dass öch so traurög bön …” und den Schuhschnabel Schusch (Christian Stein).

Wutz übernimmt die Aufgabe der Haushälterin. Die anderen Tiere der Insel müssen regelmäßig zum Sprachunterricht in der Schule von Professor Tibatong antreten. Eines Tages wird ein Eisberg mit einem großen Ei angeschwemmt, aus dem nach wenigen Wochen des Brütens ein Urmel schlüpft, das sodann von Wutz aufgezogen wird und ebenfalls das Sprechen lernt. Hinter dem Urmel sind nicht nur die Professoren-Kollegen, sondern auch der sich langweilende König Pumponell von Pumpolonien als Großwildjäger her. Schließlich verläuft sich das Urmel in der Höhle eines Vulkans. Im Inneren der Höhle lebt eine große Krabbe in der Mitte eines unterirdischen Sees. Der König macht das Urmel ausfindig und versucht es mit seinem Gewehr zu erschießen. Durch den Lärm stürzt jedoch der Eingang der Höhle ein. Wawa allerdings hat die anderen Inselbewohner alarmiert, und eine Rettungsaktion kann beginnen. Alle Verschütteten werden schließlich in der als U-Boot umfunktionierte Schlummertonne von Wutz durch einen unterirdischen Verbindungskanal zum Meer gerettet. Das Urmel schließt mit dem König Freundschaft, der es nun nicht mehr jagen will. Was will der kleine Zuschauer mehr? Friede-Freude-Urmelkuchen! Diese Inszenierung war so recht etwas für für ganz kleinen Zuschauer. Und wenn dann noch hinzukommt, dass die Eltern selbst Erinnerungen an diesen Buchtitel haben, ist das rein Theatersaalauslastungsmäßig schon mal die halbe Miete.

Das Gesicht unserer Geschäftsführerin musste sich also nicht sorgenvoll in Falten legen, und sie hatte deshalb auch ein offenes Ohr für eine Anfrage des Carl-Fuhlrott-Gymnasiums zu einer Kooperation für ein Theaterprojekt „Schule und Theater”. Die 12. Jahrgangsstufe des Gymnasiums erarbeitete mit uns das Stück „Die neuen Leiden des jungen W.” von Ulrich Plentzdorf. Hierzu wurden die Schüler in drei Gruppen aktiv: Herwig Mark leitete die Inszenierung, Laurentiu Tuturuga erarbeitete mit seiner Arbeitsgruppe Bühnenbild und Kostüme und Gabriele Röder beschäftigte sich mit der 3. Gruppe mit allen Dingen der Dramaturgie und des Marketings, wie z. B. Plakatentwurf, Flyer, Kartenverkauf, Pressemitteilung und Organisation der Veranstaltung inklusive aller anderen logistischen Fragen.

Bei den Schülern war für dieses Stück, das bereits 1970 in der ehemaligen DDR entstand, Überzeugungsarbeit zu leisten, nicht nur die beschriebene Situation in der DDR, sondern auch der Text selbst wirkten sehr befremdlich. Aus den anfänglich 50 Schülern kristallisierte sich dann aber doch ein harter Kern jener 24 Schüler heraus, die nicht absprangen, ja sogar mit Begeisterung bei der Sache waren und eine wunderbare Premiere hinlegten. Edgar Wibeau, gespielt von Arne Lieb, wurde von seinem Vater verlassen, als er fünf Jahre alt war. Nach dem Tod Edgars mit 17 Jahren befragt sein Vater Personen, die seinem Sohn nahe standen, um ihn im Nachhinein kennenzulernen.

Edgar wächst in DDR-Zeiten bei seiner Mutter als Musterschüler und Vorzeigeknabe auf. Nach einem Streit mit seinem Lehrmeister Flemming tut er, was er schon lange tun wollte – er verschwindet mit seinem Freund Willi aus seinem Heimatort, der fiktiven Kleinstadt Mittenberg, und geht nach Berlin. Willi zieht es jedoch bald wieder nach Mittenberg zurück. Edgar bleibt allein in Berlin, wo er in einer verlassenen Laube neben einem Kindergarten unterkommt. In diesem Kindergarten arbeitet die 20-jährige Charlie, in die er sich bald verliebt. Dieter, ihr Verlobter und späterer Ehemann, und Charlie selbst geben Edgar viel zu denken. Der einzige, mit dem Edgar Kontakt hält, ist sein Jugendfreund Willi. Diesem schickt er regelmäßig Tonbänder mit Zitaten aus Goethes Werther, die seine eigene Lage gut beschreiben. Nachdem der junge Rebell in einer Kunsthochschule nicht aufgenommen worden ist, sich selbst als verkanntes Genie aber nie ganz abschreibt, nimmt er eine Arbeit als Anstreicher auf. Um Addi und Zaremba, seinen Arbeitskollegen, etwas zu beweisen, versucht er, ein „nebelloses Farbspritzgerät” zu entwickeln, von dem Addi auf der Arbeit immer wieder spricht. Beim ersten Versuch, die selbstgebaute Maschine in Betrieb zu nehmen, wird Edgar durch einen Stromschlag getötet.

Eine kleine Rolle als Freundin des Vaters und Arbeit in der Regieassistenz reichten aus, das eine dieser Schüler, mittlerweile selbst Lehrerin, bei uns geblieben ist. Ach, was heißt geblieben, sie stürzte sich mit Feuereifer in unser Theater, war in den darauffolgenden Jahren in der Technik und auf der Bühne zu finden. Jetzt betreut sie als Kursleiterin immer wieder Theaterkurse in unserer Theaterschule und arbeitet mit in der Dramaturgiegruppe. Insider wissen jetzt natürlich sofort, von wem ich speche: natürlich von Sandra Spallek.

Parallel zu den Arbeiten am Theaterprojekt gab es die Proben für „Heinrich V.”, ein Stück für Kinder ab 8 Jahre, das von Ignace Cornelissen frei nach dem Text Shakespeares für Kinder erzählt wird. Und ein Erzähler (Knut Heimann) spielt auch eine entscheidende Rolle.

Neben ihm drei Schauspieler, Manuel Löckmann als Heinrich, Florian Schulz als sein entfernter Cousin und Birte Rüster als Katharine, die nicht einfach nur Erwachsene sind, die Kinder spielen, sondern Erwachsene und Kinder zugleich im Königsmantel auf politischem Parkett und barfuß wie auf dem Spielplatz.

Der Heinrich ist noch jung, als er König von England wird. Die Staatskasse ist leer, aber das Schloss muss dringend renoviert werden. Er liest in einem alten Buch, dass Frankreich früher zu England gehörte und dass es in Frankreich ein wunderbares Schloss gibt. Das Schloss – und dazu ganz Frankreich – das will Heinrich jetzt haben. Voller Ungeduld reist er ab. Zuerst versucht er, die Tochter des alten französischen Königs zu heiraten. Als das nicht klappt, beginnt er einen blutigen Krieg. Dieser Krieg dauert so lange, dass am Ende niemand mehr weiß, warum er eigentlich begonnen wurde.

Das Stück „Heinrich der Fünfte” handelt davon, was einer macht und was er vergisst, wenn er mit aller Gewalt hinter dem her ist, was er haben will. Mit Macht ist aber nicht alles zu bekommen. Eine Geschichte, die erzählt, wie ein Übermaß an Besitz- und Geltungsdrang dem Vermögen, jemanden lieb zu haben, hoffnungslos im Weg steht. Ein Stück, das versucht, Kindern zu erklären, wie Kriege entstehen und wie sinnlos sie sind.

„Darf man sich Kriege anschauen?” fragt eine Kinderstimme am Anfang des Stücks. Wir müssen es ständig irgendwo auf der Welt. Und beginnen diese Kriege nicht genau so wie Auseinandersetzungen von Kindern im Sandkasten, die das Förmchen ihres Spielkameraden haben wollen, fragt dieses Stück? Wenn es nicht so traurig wäre, dass Menschen dafür sterben müssen, könnte man wahrlich darüber lachen.

Zum Jahresschluss ging es wieder in den Orient. „Aladin und die Wunderlampe” stand auf dem Spielplan und hatte am 13. November erfolgreiche Premiere. Stefan Schroeder hatte das Märchen bearbeitet, und davon, dass es eine gelungene Umsetzung war, zeugen fast 12000 Zuschauer in 43 Vorstellungen. Adnan „Adi” Taha spielte diesen Tunichtgut, der von einem Zauberer (Udo Dülme) beauftragt wird, eine Öllampe in einer magischen Höhle zu finden. Nachdem der Zauberer ihn zu betrügen versucht, behält Aladin die Lampe für sich. Er entdeckt, dass in der Lampe ein Geist steckt, der die Wünsche des Lampenbesitzers erfüllen muss. Mit Unterstützung des hilfreichen Geistes wird Aladin reich und mächtig und heiratet die schöne Tochter (Heidi Loos) des Sultans (Dieter Marenz). Ich hab die Handlung etwas verkürzt dargestellt. Natürlich wisst ihr, dass es in den Märchen aus 1000 und einer Nacht viel üppiger zugeht, und unsere Bühne glich einem orientalischen Bazar mit seinen Gerüchen, den kostbaren Gewändern und seiner Musik. Schnell war man als Zuschauer mittendrin in den Straßen von Samarkand.

Wie schreibt die WZ: "Es ist nicht schwer, sich von dieser Theatervorstellung verzaubern zu lassen. Theaterzauber im besten Sinne. Wobei es zur unverwechselbaren Handschrift des Wuppertaler Kinder- und Jugendtheaters gehört, dass die Fanatasie der Zuschauer selbst zum gestalterischen Element wird, hier Gehörtes in Bilder umsetzt, dort ein Schattenspiel weiterführt. An diesen Lampengeist bleibt kein Wunsch mehr zu entrichten."

Der Lampengeist auf unserem Flyer war übrigens Oliver Jung, der über lange Jahre unsere Webseite betreute und im Beirat des Theaters wirkte. Und mit dem Lampengeist betreten wir das neue Jahrtausend. Ich hoffe, wir sehen uns alle wieder mit oder ohne Geist.

Bis nächste Woche
Euer Uwe