40 Jahre - 2000

Kapitel 30 (2000)
von Uwe Weinreich

Na, seid ihr gut ins nächste Jahrtausend gerutscht?
Das Frühjahr stand ganz im Zeichen von Michael Ende und seinem
Das Traumfresserchen”, sicherlich nicht so bekannt wie „Jim Knopf” oder „Momo”, aber geschrieben für ganz kleine Kinder und eine nicht minder reizende Geschichte. An deutschen Bühnen wird es meistens als Kinderoper gespielt.

Unsere Fassung dramatisierte wieder Stefan Schroeder.

Die kleine Prinzessin Schlafittchen aus Schlummerland kann nicht schlafen, weil sie immer so böse Träume hat. Dabei ist es in Schlummerland besonders wichtig, dass man gut schläft, weil nur der, der das am besten kann, dort König oder Königin wird. Niemand kann Schlafittchen helfen, bis ihr Vater auf einer langen und abenteuerlichen Reise das Traumfresserchen findet, das nichts lieber macht, als sich von schlechten Träumen zu ernähren. Man muss es nur einladen:

Traumfresserchen, Traumfresserchen!
Komm mit dem Hornmesserchen!
Komm mit dem Glasgäbelchen!
Sperr auf dein Schnapp-Schnäbelchen!
Träume, die Kinder erschrecken,
die lass dir schmecken,
die lass dir schmecken!
Doch die schönen, die guten sind mein,
drum lass sie sein,
drum lass sie sein!
Traumfresserchen, Traumfresserchen,
dich lad ich ein!
Traumfresserchen, Traumfresserchen,
dich lad ich ein!

Für diejenigen unter euch, die die Geschichte nicht kennen, mögen diese Zeilen vielleicht etwas verstaubt und altertümlich verkitscht klingen. Das Stück ist es aber beileibe nicht. Clou der Geschichte war, dass die Schauspieler bis auf wenige Accessoires in Weiß gekleidet waren und auch das Bühnenbild bestand hauptsächlich aus einer großen weißen Wand, die an verschiedenen Stellen (teilweise musste man von hinten auf eine Leiter steigen) einige Ausschnitte hatte, um den Kopf hindurchzustecken. Vor jeder Vorstellung wurde sie mit weißem Papier beklebt, um während der Vorstellung von uns bemalt zu werden. Auf diese Weise entstanden chinesische Pagoden, Kakteen und Wüste, Schiff und Wellen, Sonne und düstere Albtraumwolken. Aus der kalten weißen Welt der schlechten Träume Schlaffittchens wurde am Ende eine bunte freundliche Welt, nachdem das Traumfresserchen alle ihre bösen Träume gefressen hatte.

Wer schon mal in Wien ist, dem wird sicherlich das Zelt auf der Dachterasse der Wiener Staatsoper aufgefallen sein. 1999 errichtet, war es eigens für die Aufführungen von Kinderopern gedacht und besteht bis heute. Die erste Produktion war "Das Traumfresserchen".

Apropos gut schlafen. Fällt mir doch da gerade justamente zu diesem Punkt noch eine Geschichte ein. Grundsätzlich gibt es unter den Schauspielern, was die Aufgeregtheit angeht, unterschiedliche Charaktere, und alle gehen vor Aufführungen verschieden mit ihrer Nervosität um. Einige sind so aufgeregt, dass sie gar nicht mehr runterkommen von der Toilette (was besonders unangenehm ist, wenn man ein durchgehendes Kostüm anhat), andere sind obercool und machen noch Witze direkt vor ihrem Auftritt. Alle vereint aber eigentlich eine gewisse Anspannung vor Aufführungen, die man Lampenfieber nennt. Könnt ihr euch also vorstellen, dass jemand auf der Bühne einschläft? Nein? Ist aber geschehen, und ich kenne sogar zwei, denen das im gleichen Jahr passiert ist. Der eine heißt Udo Dülme und musste in seiner Rolle als Zauberer in „Aladin und die Wunderlampe” bereits während des Einlasses der Zuschauer gegen eine Säule kauernd auf sein Stichwort warten. Da das ca. 20 bis 30 Minuten dauerte, schlief er in dieser Stellung ein und wachte verdattert erst durch sein Stichwort wieder auf und spulte fast automatisch seine Sätze ab. Der zweite, dem ähnliches passierte, bin ich selbst als Seele-Fant in „Tabaluga”. Dazu muss man wissen, dass wir ebenfalls bereits vor der Vorstellung jeder in einem eigenen großen Karton verschwinden mussten. Mein Kostüm war sowieso alles andere als bequem, konnte ich mich doch nur im Liegestütz vorwärtsbewegen. Ich hatte in diesem dunklen Karton aber eine relativ angenehme Liegeposition gefunden und schlief einfach ein. Die anderen bemerkten dies, nachdem die Vorstellung begonnen hatte, und weckten mich recht unsanft.

Zweieinhalbtausend Zuschauer sahen unsere Reise auf der Suche nach dem Traumfresserchen, das von Julia Penner gespielt wurde, die mittlerweile ihre Leidenschaft zum Theater auch zum Beruf gemacht hat, genau wie auch Birte Rüster (zuletzt inLübtheen in Liliom zu sehen), die neben Schlafittchen auch noch 5 weitere Rollen spielte. Auch Dieter Marenz, Vanja Vujic und ich durften laufend die Rollen wechseln, eben noch Cowboys, dann Pinguine und dänischer Polarforscher, schon wieder Piraten oder der Kaiser von China. Dank der weißen Grundkostüme war der Rollenwechsel aber einfach zu bewerkstelligen.

Nach den Sommerferien nahmen wir uns eines Klassikers an: „Cyrano de Bergerac”. Der Titelheld, ein französischer Dichter des 17. Jahrhunderts, leidet unter seiner riesigen Nase. So mancher Spötter stirbt im Duell. Dennoch wird de Bergerac als empfindsam beschrieben; er ist in seine gutaussehende Cousine Roxane verliebt. Da er ihre Absage fürchtet, verbirgt er seine wahren Gefühle. Als Roxane ihm ihre Zuneigung zu Christian von Neuvillette gesteht, ist de Bergerac bereit, diesen zu unterstützen, indem er an seiner Stelle Gedichte schreibt. Der hübsche, aber als „arger Dummkopf” geltende Christian von Neuvillette dient im gleichen Regiment wie de Bergerac.

Um die romantischen Ansprüche der Angebeteten zu befriedigen, leiht Bergerac dem Nebenbuhler sein poetisches Talent, so dass von Neuvillette den Erfolg allein genießt. Schließlich überzeugt de Bergerac die beiden davon, vor den Traualtar zu treten und entzieht Roxane damit dem Grafen de Guiche, der sie zu seiner Geliebten machen will. De Guiche ist zornig, und er rächt sich, indem er das Regiment samt de Bergerac und von Neuvillette in den Krieg an die vorderste Front schickt.

Obgleich durch die spanischen Belagerer ausgehungert und eingekesselt, schmuggelt de Bergerac im Namen von Neuvillette täglich zwei Briefe an Roxane durch die feindlichen Linien. Dieser Briefe wegen eilt Roxane mitten ins Heereslager zu ihrem Mann, dem sie nun gesteht, ihn nicht mehr wegen seiner „äußeren Hülle” zu lieben, sondern wegen der Schönheit seiner Seele. Christian von Neuvillette ist entsetzt, da er weiß, dass er Roxane gegenüber nicht ehrlich war. Doch kurz bevor de Bergerac der gemeinsamen Geliebten den wahren Urheber der Briefe sagen kann, trifft die Todesmeldung ein: von Neuvillette ist gefallen und de Bergerac schweigt, um der trauernden Roxane das Andenken an den Liebeshelden zu erhalten. Erst 14 Jahre später entdeckt Roxane, die sich in ein Kloster zurückgezogen hat, die Wahrheit. Allerdings wird de Bergerac kurz vor dem obligatorischen Samstagsbesuch bei seiner Cousine durch einen Anschlag schwer verwundet, so dass er in ihren Armen, geschwächt durch Blutverlust und fiebrige Wahnvorstellungen, stirbt.

Was für eine Geschichte. Sie wurde mehrmals verfilmt, fand den Weg in Oper und Musical und auch der Song „Roxanne” von Police wurde durch diese Geschichte inspiriert.

Tobias Wessler spielte diesen Cyrano, und da er nicht von Natur aus über jene Nase verfügte, die den Cyrano de Bergerac berühmt gemacht hat, bekam er diese vor jeder Vorstellung angklebt. Heidemarie Loos und Stefan Faupel spielten alle weiteren Rollen.

Alle drei bekamen in den Kriken höchstes Lob für ihr dichtes Spiel in dieser romantischen Komödie ausgesprochen, und ich zitiere auszugsweise weiter. Da war die Rede von hohem Komödiantentum und drei großartigen treffsicher besetzten Schauspielern. Tobias bestach durch Eleganz und Tiefe, Stefan ist mitreißend in seinen vielen Rollen und Heidemarie ist eine so blutvolle Roxanne, 100 Jahre nach Sarah Bernhard, dass man sie lieben muss. Großes Theater auf hohem Niveau. Immerhin 16 mal geht das Stück über die Rampe. Wenn auch nicht immer ausverkauft, so ist es doch für diese Altersgruppe ein beachtliches Ergebnis.

Ja, und dann kam wieder das Sams. Mit anderen Worten: Wir spielten „Am Samstag kam das Sams zurück”. Man kann eigentlich nichts falsch machen, wenn man so eine Geschichte auf die Bühne bringt. 57 mal  (in Worten: Siebenundfünfzig) wurde es aufgeführt. Auch wenn diese zweite Sams-Geschichte, wie ich euch ja bereits erzählt hatte, in ihrer Umsetzung fürs Theater zuerst nicht so gut gefallen hatte, sodass wir 4 Jahre zuvor bereits die dritte Geschichte gespielt hatten, brach der Zuschauerzuspruch alle Rekorde. Einziges Manko war eigentlich, dass in allen drei Inszenierungen jeweils andere Darsteller das Sams spielten. Diesmal war es Christine Marras, die in den „Taucheranzug” und die rote Perücke schlüpfte. Auch Herr Taschenbier wurde diesmal neu besetzt und von Dieter Marrenz verkörpert. Beide Namen kennt ihr bereits und sie werden euch auch zukünftig noch öfter begegnen.

Am Sonntag die Sonne, am Montag Herr Mon, am Dienstag der Dienst und dann kommt auch schon am Mittwoch die Mitte der Woche herbei. Am Donnerstag Donner und Freitag dann frei. Und dann kommt der Samstag, was wird da geschehn? Herr Taschenbier wird dann sein Sams wiedersehn.

Ja so war’s (ich muss es einfach noch einmal wiederholen): 57 mal.

Und über 14000 Zuschauer hatten Freude. Und das Ensemble hatte sicherlich Freude, als endlich Weihnachten war. In der Weihnachtsproduktion beschäftigt zu sein, ist auf der einen Seite sehr interessant, weil man die viele Probenarbeit durch viele, immer ausverkaufte Vorstellungen belohnt bekommt. Auf der anderen Seite ist es aber oft auch belastend, weil durch die vielen Vorstellungen die Vorweihnachtszeit eigentlich komplett im Kostüm verbracht wird.

Ich hoffe, ihr habt genügend Zeit, um euch so ganz allmählich auf die Vorweihnachtszeit einzustimmen. Vielleicht seht ihr euch ja unser diesjähriges Theaterstück „Der Räuber Hotzenplotz” an, das bereits angelaufen ist, weil die Herbstferien dieses Jahr so spät sind.

Ich hab’s schon gesehen, und es ist sehr sehr schön.

Bis nächste Woche
Euer Uwe