40 Jahre - 2001

Kapitel 31 (2001)
von Uwe Weinreich

Das Jahr 2001 hatte gleich im Frühling mit einer Uraufführung aufzuwarten. Wir waren auf die Kinderbücher von Bärbel Haas aufmerksam geworden und hatten uns um die Rechte für „Der Piratenschatz” bemüht, und sie bekommen…

Die Mäusepiraten Rudi, Kurtchen und Arno erhalten per Flaschenpost die Nachricht von einem Schatz, der auf der Mondinsel vergrabenen sein soll. Mit ihrem alten Schiff „Gouda” stechen sie in See und müssen so einige Abenteuer bestehen, bevor sie endlich auf der Mondinsel  landen. Dort treffen sie auf viele andere Piraten, die ebenfalls eine Flaschenpost mit Schatzkarte bekommen haben. Doch soviel sie auch graben, den Schatz finden sie nicht. Dieser, so stellt sich schließlich heraus, ist nicht aus Gold, sondern der alte Seeräuber Holzbein-Hinnerk. Der ist Mäusekapitän im Ruhestand, hatte sich auf seiner Insel einsam gefühlt und sich deshalb die Sache mit der  Flaschenpost ausgedacht, um alle seine alten Freunde wieder zu sehen.  "Eine verflucht tolle Idee!", das finden die Piraten, von denen sich manche schon lange nicht mehr gesehen haben, und sie feiern ein großes Wiedersehensfest: Meuchel-Malte, Haken-Hein, Enter-Ede, Truhen-Fritz, Karten-Kurt, Klappen-Klaus, Segel-Sigi und natürlich unsere drei von der „Gouda” – nach dem alten Piratenmotto: Wie ist das Leben doch so schön,wenn sich Piraten wiedersehn. Und da kann ihnen auch Willi Würges (Ralf Stallmann), der Schrecken der 7 Weltmeere nicht mehr in die Suppe spucken. Und dann holt Karola Brüggemann, im Nebenberuf Postbote für Flaschenpost, ihr Schifferklavier heraus, und dann wird gesungen, dass die Schwarte kracht, hatten wir doch ein eigenes Piratenlied:

Segelschiff und Enterhaken;
Starker Sturm und schwacher Magen,
Butterbrote, Augenklappen,
Wellen, die zum Deck reinschwappen,
Viel Gefahr und wenig Lob,
schwer ist der Piratenjob!

Refrain:
Sagt es dem Klabautermann:
Morgen fängt der Urlaub an!
Sagt es dem Klabautermann:
Morgen fängt der Urlaub an!

Enterhaken wird geschont,
Weil viel Arbeit sich nicht lohnt.
Schwarze Flagge bleibt im Schrank,
Säbel in der Küchenbank,
Augenklappen in der Truhe:
Auch Piraten brauchen Ruhe!

Refrain

Ist die Ferienzeit dann um,
Freuen wir uns doll und dumm
Aufs Entern, Kapern, Schätze heben
Und auf das Piratenleben!
Jeder kennt uns schon von fern:
Ahoi! Piraten sind wir gern!

Ich war wieder so richtig in meinem Element, konnte ich doch als Mäusekapitän wieder einmal in meiner Heimatsprache agieren. Laurentiu Tuturuga hatte sich zum wiederholten Male selbst übertroffen und aus übergroßen Teilen des täglichen Mäuselebens ein Bühnenbild geschaffen. Aus Käse, Brötchen und Trinkhalm bauten wir drei Besatzungsmitglieder (Sebastian Rüdiger, Adi Taha und ich) im Nu unser Piratenschiff zusammen und stachen in See. Auch die anderen Bühnenbildteile hätten jeder Küche Ehre gemacht. Mehr Mäuse hat es nie wieder auf einer Bühne des Wuppertaler Kinder- und Jugendtheaters gegeben. Ahoi!

Natürlich war Bärbel Haas bei der Premiere am 10. März anwesend und ließ es sich auch nicht nehmen, anschließend an unser Premierenfeier in der Werkstatt in der Buschstraße teilzunehmen. Ein an Mäusekapitän Rudi signierter „Piratenschatz” ziert noch heute meine Bilderbuch-Sammlung. Dieses Stück lief wie geschnittener Käse, und vor allem die Kleinen unter unseren Zuschauern hatten großen Spaß. Und wir natürlich sowieso.

Da ich gerade vom Feiern geschrieben habe: Ich hatte ja versprochen, dass ich euch nicht nur von unseren vielen Inszenierungen, sondern auch von all dem Drumherum berichten wollte. Und dazu gehören ohne Zweifel unsere Feiern. Fester Bestandteil über all die Jahre war und ist immer noch eine zünftige Premierenfeier am Abend nach einer Premiere. In den Anfangsjahren fand sie auch bisweilen in irgendwelchen Lokalitäten statt, wechselte dann aber alsbald in die Räumlichkeiten unserer Werkstatt. Die wahren Höhepunkte des Jahres waren aber immer unsere Weihnachtsfeier und das Sommerfest. Letzteres war in der Buschstraße ein tolles Ereignis, weil wir dort neben Werkstatt und Büro auch noch ein großes Freigelände unser Eigen nennen konnten. Hier konnten wir Fußball spielen, Lagerfeuer angezünden und die aberwitzigsten Spiele durchführen. Wir genossen es außerordentlich (viele waren zu dem Zeitpunkt junge Familien mit kleinen Kindern), zusammen mit Familie und Freunden ein richtiges Fest zu feiern.
Noch legendärer als die Sommerfeste waren und sind allerdings unsere Weihnachtsfeiern. Meistens am letzten Samstag vor Weihnachten steigt in der Werkstatt ein nach allen Regeln der Kunst inszeniertes Fest. Ein sogenannter Festausschuss macht sich Wochen vorher Gedanken über den Ablauf, die Werkstatt-Mannschaft richtet die Räumlichkeiten her und baut eine Bühne auf. Ja, ihr habt richtig gehört, ich sprach von Bühne; denn wir haben in unseren Reihen viele große und kleine Theaterleute, die außerordentlich kreativ sein können. Und manche Programme hätten auch auf Kabarett-Theater-Bühnen bestanden. Da wird gesungen, gespielt und persifliert, jongliert, gezaubert und parodiert. Und manches hat sogar so richtig heimelig mit Weihnachten zu tun, was nicht heißt, dass es auch bisweilen sehr schräg zugeht. Da hing auch schon mal der Weihnachtsbaum verkehrt herum von der Decke..

Wichtig ist einzig, dass alle, die das ganze Jahr über das Kindertheater getragen haben, an diesem letzten Tag miteinander viel Spaß haben. Aber was auch immer während der Weihnachtsfeier passiert, der letzte Programm-Punkt ist (the same procedure as last year) Udo Dülmes Sketch „Gordons Dry Gin”. Ohne diesen Abschluss des offiziellen Teils der Feier ist es keine Feier. Mittlerweile können die meisten von uns schon jeden Satz vorwärts und rückwärts, ganz egal – „Gordons Dry Gin” ist ein absolutes Muss. Und ich werde euch den Inhalt dieses Sketches jetzt nicht erzählen, denn entweder ihr seid oder wart beim Kindertheater – dann kennt ihr ihn sowieso; oder euch bleibt nichts anderes übrig, als bei uns mit einzusteigen; dann verspreche ich euch eine Weihnachtsfeier, wie ihr sie bisher noch nicht erlebt habt.

Aber jetzt Schluss mit den Feierlichkeiten. Wenden wir uns wieder 2001 und seiner zweiten Inszenierung zu, diesmal für die größeren Kinder. Es wurde „Quasimodo” gespielt. Frei nach Victor Hugos „Der Glöckner von Notre Dame” hatte Stefan Schroeder dieses Stück bearbeitet. Quasimodo (Rainer Kreusch) ist der Hässliche, der Bucklige, der Unansehnliche und der treue Glöckner des Priesters der berühmten Pariser Kirche Notre Dame. Dieser Priester, Dom Claude Frollo, hatte Quasimodo einst als kleines Kind auf den Stufen der Kirche gefunden und ihn großgezogen. Verlassen durfte er die Kirche nie, weil der Priester die Reaktionen der Bevölkerung fürchtete. Vom Fenster aus beobachtet Quasimodo die schöne Zigeunerin Esmeralda (Julia Penner), wie sie auf dem Jahrmarkt vor der Kathedrale tanzt. Er verliebt sich in sie, und am Ende ist ihr Tod auch sein Tod.

Dazwischen gibt es ein Spiel um Macht, um Geld, um Liebe und Hass. Esmeralda, die nur ein paar Taschenspielertricks beherrscht, wird nachgesagt, sie besäße den Stein der Weisen, die Gabe, Gold herzustellen. Alle, König (Michael Seibel), Hauptmann (Georg Florian), ja selbst der Priester (Udo Dülme) verfallen ihr durch die Gier nach Gold und Macht. Wir befinden uns in der Zeit der Hexenverfolgung. Und schnell wird eine schöne Frau, die auch noch Zauberkunststücke beherrscht, zur Hexe erkoren.

Die Inszenierung war bestens geeignet, Kindern ab 10 Jahren diese Zeit des Mittelalters und ihre Umstände und Lebensbedingungen nahe zu bringen und wurde von der Presse auch in dieser Form gewürdigt.

Bei „gewürdigt” fällt mir gerade ein, dass viel zu selten die guten Geister hinter der Bühne gewürdigt werden. Über unsere Technik-Mannschaft werde ich zu einem späteren Zeitpunkt noch ausführlich schreiben. Aber erwähnen möchte ich einmal, dass es sich so einfach anhört und auch schreibt, wenn es immer heißt, wir haben das Stück hier gespielt und da und auch noch dort und links um die Ecke. Nein, so einfach ist das nicht. Jede Bühne hat ihre Besonderheiten und besonders Technik und Werkstatt stehen das eine ums andere Mal vor besonderen Herausforderungen, die oft bühnenbedingt sind. Also, da sind z. B. Bühnen viel zu groß (haben wir ganz selten) oder viel zu klein (das haben wir öfter).

Bei zu groß, fällt mir im Moment das Wuppertaler Opernhaus ein. In den frühen Jahren des Kindertheaters hatten wir einmal 3 komplette Vorstellungen an die Firma Kugel-Fischer verkauft und unser Bühnenbild sah wirklich sehr kläglich aus auf dieser Riesenbühne. Kurz entschlossen baute Uwe Böhme noch ein paar Teile hinzu, die einzig und allein dazu dienten, den leeren Raum zu füllen.

Zu klein ist vor allem die Bühne unseres ständigen Abstechers nach Schwelm. Nicht nur, dass in dem dortigen Jugendzentrum die Maße der Bühne eher für Kleinkunst zugeschnitten sind, nein, es gibt auch noch dicke Abluftrohre, die die Höhe stark einschränken. Für den Piratenschatz musste in der Werkstatt ein zweiter Mast für die „Gouda”, ein überproportionaler Trinkhalm, mit einem rechtwinkligen Knick versehen, gebaut werden. Aber es hat auch schon Stücke gegeben, die wir in Schwelm im Zuschauerraum gespielt haben und bei denen die Zuschauer dafür auf der Bühne saßen…

Das Jahr ging zu Ende mit einem Märchen, „Cinderella”. Herwig Mark hatte sich ganz bewusst für diesen Titel und nicht für „Aschenputtel” oder „Aschenbrödel” bei dieser Bearbeitung von Stefan Schroeder entschieden. Sollte doch schon durch den Titel angedeutet werden, dass es sich um eine Neubearbeitung dieses alten Stoffes der Gebrüder Grimm handelte. Wie unterschiedlich eine Kritik diese Bearbeitung wahrnehmen kann, wird an diesem Stück deutlich sichtbar. Stefan Schmöe in der WZ lässt an der Inszenierung und vor allem an der Bearbeitung kein gutes Haar. Man kann von einem deutlichen Verriss sprechen  („die Schwächen des Textbuchs schlagen deutlich auf die Schauspieler zurück, die im Eiltempo die unzähligen Worte herunterspulen”) und nur Georg Florian fand in seiner Rolle als Haushofmeister Gnade, ja sogar Lob vor dem strengen Kritikerauge.

Ganz anders die Kritik von Frank Becker in der Westdeutschen Rundschau. Er lobt das gesamte Ensemble und vor allem die erfrischend spielende Isabel Lipke als Cinderella. Aber auch Carina Wieser, Andrea Siebott und Esther Becker überzeugen ihn in ihrer Garstigkeit und den Prinzen Adi Taha findet er außerordentlich sympatisch in seiner aufrichtigen Verliebtheit.

Für mich machen diese beiden Kritiken eins deutlich: Macht euch immer selbst ein Bild von unseren Inszenierungen und verlasst euch nicht zu sehr auf die Sicht des Kritikers.

Kritisch stelle ich gerade fest, dass ich schon wieder viel zu viel geschrieben habe, was zu einem kleinen Jubiläum geführt hat. Die 100. Seite dieser 40-Wochen-Chronologie ist fertiggestellt.

Bis nächste Woche
Euer Uwe