40 Jahre - 2002

Kapitel 32 (2002)
von Uwe Weinreich

Diese Woche, muss ich gestehen, ist ein wenig Wehmut im Spiel, wenn ich diese Zeilen formuliere. Wir sind im Jahr 2002 angelangt, also quasi auf der Zielgeraden von „40 Jahre in 40 Wochen”, und ich werde euch jetzt über das Stück berichten, in dem ich bis heute zum letzten mal auf jenen Brettern stand, die angeblich die Welt bedeuten. Nun, die Welt bedeuteten sie nicht für mich; aber so ganz leicht fiel es mir auch wieder nicht, den Brettern Adieu zu sagen, weil ich das Proben und Spielen nicht mehr mit meinem Beruf vereinbaren konnte. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und vielleicht gibt es ja nach 10 Jahren der Bühnenabstinenz wieder einmal eine Gelegenheit, den Zuschauerraum aus der Bühnenperspektive zu erleben.

Nun aber zurück zu dem bereits angekündigten Stück, „Kiebich und Dutz”. Die Aufmerksamen unter euch werden jetzt fragen, ob wir das nicht bereits einmal gespielt haben. Und diesen Aufmerksamen antworte ich: "Recht, habt ihr!" Und auch damals, nämlich 1985, durfte ich den Kiebich spielen. Alles andere war aber anders, sogar sehr anders. Mein Gegenpart Dutz wurde nicht von Michael Höhne, sondern von Dieter Marenz gespielt, und der Durchblicker und Nikel war Georg Florian. Das Bühnenbild, bei der Erstinszenierung von Uwe Böhme, wurde natürlich von Laurentiu Tuturuga gestaltet, und auch die Regie wurde diesmal nicht von Herwig Mark, sondern von Andreas Lachnit übernommen. Wir wollten es einmal mit einem „fremden” Regisseur versuchen. Nun, so ganz fremd war Andreas Lachnit nicht, da er bereits diverse Male am Bonner Kinder- und Jugendtheater mit Laurentiu Tuturuga zusammengearbeitet hatte. Auch mit uns stimmte die Chemie sofort, und es war eine wirklich tolle Probenarbeit. Das dieses Stück so recht nach meinem Geschmack war, könnt ihr euch sicherlich denken, dass ich sofort einwilligte, die Rolle des Kiebich wieder zu übernehmen.

Ich erspare euch jetzt, meine Schwärmereien für dieses Stück ein zweites Mal zu lesen. Solltet ihr „Späteinsteiger” in dieser Wochenrubrik sein, empfehle ich euch das Kapitel 15 von 1985. Bei all den Veränderungen, die ich beschrieben habe, war es in der Tat eigentlich eine ganz neue Inszenierung. Laurentiu Tuturuga hatte die Wohnkiste von Kiebich und Dutz in die Comicwelt gerückt, und ich erinnere mich daran, dass jedes Mal, wenn der sterile weiße Kubus, der da am Anfang auf der Bühne stand, geöffnet wurde, ein „Aaahhhh” durch den Zuschauerraum ging, der nicht mir in meinen weißen Kissen, sondern den fantastischen Bildern im Innenraum unserer Behausung galt. Was für ein Anfang!

Eine wunderbare Erinnerung ist auch die Musik, die das Stück begleitete und die sich Laurentiu Tuturuga und Andreas Lachnit gemeinsam ausgesucht hatten. Ich höre sie auch heute immer noch gerne, zumal am Ende ein Lieblingstitel von mir, das Gorillaz Stück „Clint Eastwood”, stand, zu dem ich einen Text gemacht hatte und mit dem wir durch den Zuschauerraum verschwindend, das Theaterstück beendeten. Was für Ende!

Bei so einem Anfang und so einem Ende, war es leicht, die Mitte zu füllen. Dieter Marenz war der Ängstliche, der Zaghafte, der lange brauchte, um sich selbst zu überwinden und seinem Freund Kiebich aus seinem Schlamassel zu helfen. Ich war der Laute, der Coole, der großspurige Angeber, der Sprücheklopfer, der dann aber an seinem Übermut scheiterte, wenn, ja, wenn nicht sein Freund Dutz ihm gerade noch rechtzeitig zu Hilfe geeilt wäre.

Die WZ schreibt, dass wir für 80 Minuten den Zuschauerraum in einen magischen Raum verwandelten. Mehr muss man eigentlich nicht hinzufügen. Auch wir waren verzaubert von Bühnenbild, Musik und der Aussage des Stücks, dass am Ende nur die echte Freundschaft zählt. „Alleine krieg’ste leicht Schiss; aber zu zweit…”

Unser zusätzliches, viertes Stück in diesem Jahr war „Karneval der Tiere”. Wir hatten immer wieder Anfragen nach einem kleinen Stück für Kleine, das ohne viel Aufwand überall gespielt werden kann. Es entstand die Idee des „Kofferstücks”. Alles, was man braucht, sind ein, maximal zwei Schauspieler und ein großer Koffer, in dem sich alle Requisiten und Kostüme befinden. Ein Bühnenbild gibt es nicht, bzw. wird durch Tische, Stühle u.ä. vor Ort gebildet.

Da dieses Stück, wie gesagt, vor allem auch tagsüber in Kindergärten laufen sollte, wurde eine Schauspielerin gesucht, die nicht wie wir anderen tagsüber Schule und Beruf hatten, sondern die Schauspielerei als Profession ausübte. Wir fanden Judith Genske, die in die Rolle der Frau Ischebeck schlüpfte und als Putzfrau eine Tee-Pause einlegt und zur Musik von Saint-Seans Wischmob, Staubwedel, Eimer, ja selbst ihren Mantel in Tiere verwandelt oder mit ihnen Teil eines Tiers wird. Dank des großen Improvisationstalents von Judith ging unsere Idee für dieses „Kofferstück” voll auf. Das Theaterstück für eine Schauspielerin und 17 Tiere, wie Regisseur Herwig Mark es bezeichnete, wurde über das Jahr 2002 hinaus ein großer Renner, was uns wiederum veranlasste, diese Theaterform auch weiterhin mit neuen Stücken zu bedienen.

Auch unser Jugendstück „Klamms Krieg” war ein Einpersonenstück. Im Mittelpunkt steht ein Lehrer, gespielt von Rainer Kreusch. Das Stück stammt von Kai Hensel und wurde im Jahr 2000 uraufgeführt und 4 Jahre später das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen.

Thematisiert wird das Spannungsverhältnis zwischen Lehrer und Schülern, Gewalt an Schulen und der Unterschied zwischen Illusion und Wirklichkeit aus Sicht des Lehrers: Ein Schüler hat aufgrund einer schlechten Note, die er von seinem Lehrer Klamm erhalten hat und die ihn das Abitur gekostet hat, Selbstmord begangen. Der Leistungskurs in Deutsch erklärt daraufhin seinem Lehrer Klamm symbolisch den Krieg. Der geht auf diese Kriegserklärung ein und zeigt dabei die gesamte Bandbreite der typischen Lehrerklischees, vom einfühlsamen Freund über den strengen Machthaber, schließlich bis hin zum Alkoholiker, dessen Leben an diesem einen Ereignis und dem für ihn frustrierenden Schulalltag zerbricht. Als alle Bemühungen, sich mit seinen Schülern zu verständigen, scheitern, denkt Lehrer Klamm seinerseits an Suizid. Ob er ihn aber begeht, bleibt offen. Das Stück endet, als Klamm mit einer Pistole in der Hand den Saal verlässt.

Inszeniert wurde das Stück von Laurentiu Tuturuga, der gemeinsam mit  Darsteller Rainer Kreusch den gewaltigen Monolog in ein beängstigendes und fesselndes Stück Theater verwandelte. Das Stück erfuhr zu Recht ein gewaltiges Echo und bot Diskussionsstoff vor allem an Schulen, wo es vor Schülern und Lehrern „vor Ort” aufgeführt wurde.

Im gleichen Jahr, in dem wir „Klamms Krieg” spielten, bekam es den deutschen Jugendtheaterpreis.

Und schon sind wir wieder am Jahresende und Herwig Mark hatte sich entschieden „Der Lebkuchenmann” zu inszenieren, Märchen und Musical aus der Feder des Engländers David Wood.

Um Mitternacht, wenn die Menschen schlafen, geschehen ungewöhnliche Dinge: Im Küchenregal erwachen der übermütige Lebkuchenmann, die elegante Pfeffermühle Frau Pfeffer und der clevere Herr Salz zum Leben, um gemeinsam zu tanzen und zu singen. Doch Herr von Kuckuck, der aus der Schweizer Uhr die Stunden ausruft, ist in dieser Nacht heiser und ihm droht, von den Menschen mitsamt seiner Behausung einfach auf den Müll geworfen zu werden. Klar, dass seine Freunde das nicht zulassen können. Honig für die angeschlagene Stimme muss her. Doch der steht im oberen Regal, wo die einsame und böse Frau Teebeutel in der Teekanne wohnt. Und dann gibt es da auch noch Flitsch, die hungrige Mafia-Maus, die den Lebkuchenmann nur zu gerne vernaschen würde. Ein spannendes Abenteuer für Kinder und Erwachsene beginnt…

Das Stück hatte wieder alles, was ein gutes „Weihnachtsmärchen” ausmacht, eine lustige Geschichte, ein tolles Bühnenbild und spielfreudige Schauspieler. Und wenn diese dann auch noch singen und tanzen, dann kann Weihnachten werden. „Der Lebkuchenmann” hatte alle diese Eigenschaften. Da gab es die Gruppe der Guten auf dem Küchenbord, verkörpert durch Annika Richter und Kristof Stößel als Frau Pfeffer und Herr Salz. Zu ihnen gesellte sich noch Udo Dülme als Herr von Kuckuck aus der Schweizer Kuckucksuhr. Auf der anderen Seite stehen Andrea Siebott als Frau Teebeutel und Isabell Wenzel als Mafia-Maus Flitsch. Und in der Mitte, hin- und hergeschubst zwischen den Parteien, der Lebkuchenmann Maurice Kaeber.

Der Herr von Kuckuck sollte zur vollen Stunde jodeln statt „Kuckuck” rufen. Udo Dülme, Darsteller dieser Rolle, hatte, wie es der Zufall will, einen Sohn, der in der Schweiz arbeitete und die Leiterin des örtlichen Jodelvereins kannte. Bewaffnet mit der Partitur des Kuckucksjodlers machte sich also unser Udo auf in die Schweiz, um Angenehmes mit Nützlichem zu verbinden. So erlernte er also die Grundbegriffe des Jodelns bei der Apothekerin des Ortes und ließ sich die Jodler in ein Diktiergerät jodeln, „Holleri du dödl di, diri diri dudl dö”.

Fortan lief in Udos Auto keine CD oder WDR2, sondern Udo jodelte sein „Holleri du dödl di, diri dö dudl dö”. Falsch, Udo, es muss heißen „Holleri du dödl di, diri diri dudl dö”. Nimm dir ein Beispiel an Frau Hoppenstedt, die hat es doch auch gelernt. Jodeln kann man nicht leise, und so mancher Autofahrer an einer Ampel hat sich wohl auch gedacht… – nein, das sag’ ich jetzt nicht! Auf jeden Fall kehrte Udo mit Jodeldiplom aus der Schweiz zurück und versetzte auf der ersten Probe nach den Ferien alle in großes Erstaunen.

Allen wurde großes Lob gezollt. Und „Coolibri” schrieb:
"Schade nur, dass es auch in diesem Spiel einen Dummen geben muss, und das ist Flitsch, die Maus, genannt Gamasche. Dem bösen Eindringling und seinen gierigen Fressabsichten legt das nun schon bewährte Team der Küchenschrankbewohner gründlich das Handwerk. Trotzdem ist Flitschens Auftritt ein ganz großer. Isabell Wenzel schenkt ihrer Figur mit vielseitigem Talent quirlige Lebendigkeit, spielt, tanzt, singt mit Gefühl und Witz, mit Leib und Seele, legt gern auch mal einen akrobatischen Stunt auf die Bretter. So gesehen ist sie der Star dieser Show, zu deren Besuch wohlmeinende Eltern ihre Kinder unbedingt einladen sollten. Dieser Aufforderung kamen viele nach, sodass es insgesamt 41 Aufführungen wurden.

Und so, wie wir das Jahr begannen, endete es, nämlich mit der Aussage, dass es wichtig ist, Mut und Einfallsreichtum, aber vor allem gute Freunde zu haben. Ich wünsch euch allen viele gute Freunde und zum Kaffee vielleicht auch schon den einen oder anderen Lebkuchenmann.

Bis nächste Woche
Euer Uwe