40 Jahre - 2003

Kapitel 33 (2003)
von Uwe Weinreich

Hereinspaziert. Wir haben aufgeräumt. Warum ich das so betone? Nun, ich habe euch letzte Woche unterschlagen, dass wir mit Sack und Pack aus der Buschstraße in die Margaretenstraße in Unterbarmen umgezogen sind. Aber bei der Unordnung wollte ich euch noch nicht durch unsere neuen Räumlichkeiten führen. Es begann damit, dass eine Begehung der Buschstraße ergab, dass wir uns vor allem aus Sicherheitsgründen dringend nach einer neuen Bleibe für Werkstatt, Büro und Lager umsehen mussten. Nach langem Suchen wurde ein geeignetes Objekt gefunden, unsere Margarete, wie wir unser Domizil heutzutage nennen. Auf zwei Etagen haben wir dort eine Bleibe gefunden, die sicherlich in allen Belangen unseren Räumlichkeiten in der Buschstraße überlegen ist. Doch manchmal denken wir schon mit Wehmut an die alte Buschstraße zurück. Und dass ich euch diese Woche durch fertig renovierte Räume führen kann, ist neben den vielen Helfern vor allem dem Frauengeschwader Susi, Bianka, Andrea, Sandra und Karola zu verdanken, die tage- und nächtelang tapeziert, gestrichen und Teppichböden verlegt haben.

Gleichzeitig mit dem Umzug konnte Gabi Röder endlich einen Traum verwirklichen, der ihr schon eine Weile im Kopf herumspukte: eine eigene Theaterschule. Sie arbeitete das Konzept aus, und der Vorstand nickte den Pilotversuch ab. Wie ihr heute wisst, ist dieses Probejahr mit Bravour über die Bühne gegangen, und die Theaterschule ist mittlerweile ein wichtiges Standbein des Kinder- und Jugendtheaters, nicht finanziell, aber umso mehr, was den Nachwuchs für unsere Theaterbretter angeht und, wie Oberbürgermeister Jung in seiner Rede zu unserer Jubiläumsausstellung betonte, eine wichtige kulturelle Institution unserer Stadt. Auch unter diesen Gesichtspunkten wurde die Margarete ausgesucht, bietet sie doch auch für die Theaterschule entsprechenden Raum.

Irgendwie hab ich es mit den Dreien in dieser Woche. Es ist das Kapitel 33 aus dem Jahr 2003, und wir waren wieder im normalen Fahrwasser mit 3 Stücken. Nochmehr Dreien gibt’s später. Wir begannen das Jahr mit einem Klassiker der Kinderliteratur „Der kleine Vampir” von Angela Sommer-Bodenburg. Ohne ihr zu Nahe treten zu wollen, ging mir gerade durch den Kopf, dass, wer so heißt, eigentlich Grundschullehrerin sein müsste und nicht Schriftstellerin einer Kinderbuchreihe, die sich bisher 12 Millionen mal verkauft hat und in 30 Sprachen übersetzt wurde. Aber, was sag ich, es geht beides. Frau Sommer-Bodenburg war wirklich Grundschullehrerin, bevor sie vom Vampir gebissen wurde (im übertragenen Sinne natürlich).

Sie hatte sich für ihre Klasse kleine Geschichten ausgedacht, die alle von der Freundschaft eines Vampirs mit einem Menschenjungen handelten. Und so geht es in dem Theaterstück um das Vampirkind Rüdiger von Schlotterstein, der eines Tages das Menschenkind Anton Bohnsack besucht, und weil dieser Spuk- und Gruselgeschichten liebt, freunden sich beide an. Mit einem geliehenen Vampirumhang ist Anton nun in der Lage, mit Rüdiger und seiner kleinen Schwester Anna abends Ausflüge zu machen. Dabei lernt er auch das Zuhause der Schlottersteins, eine Gruft auf dem Friedhof kennen. Natürlich gibt es allerlei Verwicklungen, sei es, dass Antons Eltern unbedingt seine neuen Freunde kennenlernen wollen oder dass sie beinahe von dem Vampirjäger Friedhofswärter Geiermeier geschnappt werden.

Genau wie die Bücher (immerhin auf 20 Bände hat es die Autorin gebracht) war auch das Theaterstück nicht nur bei uns ein voller Erfolg, und die Wuppertaler Bühnen wissen genau, warum sie dieses Stück in diesem Jahr als Weihnachtsproduktion herausbringen.

Regie und Bühnenbild lagen wieder in den bewährten Händen des eingespielten Teams Herwig Mark und Laurentiu Tuturuga. Ein neuer Name tauchte auf dem Besetzungszettel als dritter im Bunde und Verantwortlicher für die Musik auf: Christoph Iacono, letztjähriger 'Von-der-Heydt-Förderpreisträger' der Stadt Wuppertal.  Matthias Burkert, seit Beginn des Kindertheaters verantwortlich für die Musik von immerhin 75 Inszenierungen, sah sich nicht mehr in der Lage, neben seiner Tätigkeit beim Wuppertaler Tanztheater dieser Aufgabe nachzukommen.

Die Premiere war ein besonderes Erlebnis, waren doch im Zuschauerraum mehr Vampire auszumachen als auf der Bühne. Kostümiert und geschminkt verfolgten sie ganz ohne Grusel die vergeblichen Versuche Geiermeiers (Udo Dülme),  seinen Friedhof vampirfrei zu machen und kommentierten jede Szene zwischen Rüdiger (Adi Taha), Anna (Isabel Lipke) und Anton (Mario von Grumbkow). Und noch etwas muss unbedingt erwähnt werden; denn es standen gleich drei (Ha, da ist sie wieder, die 3) Brüggemänner auf der Bühne: Karola, Hannah und Manuel.

Was, ihr kennt die Brüggemanns nicht? Karola Brüggemann, seit 1993 mit dem Kindertheater verbandelt und dort bis heute Regieassistentin, Kassiererin, Requisiteurin, Musikerin (Akkordeon, Gitarre, Klarinette und Schlagwerk), Schneiderin, Schauspielerin, Technikerin, Büromitarbeiterin, Mädchen für alles und, und, und…  Wo immer auch Not ist: „Nicht verzagen, Karola fragen.”

Und dann ihre 3 Kinder, Michaela, Hannah und Manuel: Michaela Brüggemann war in den 90er Jahren Reqisiteurin und Souffleuse. Hannah Brüggemann betätigte sich als Requisiteurin, aber vor allem als Kostümschneiderin, was sie jetzt auch beruflich ausübt. Zwischenzeitig leitete sie auch unsere Kostümschneiderei, und jetzt hilft sie immer wieder aus, wenn Not am Brüggemann ist. Zu guter Letzt Manuel Brüggemann, der schon mit 9 Jahren in unsere Technik hineinroch und bis heute, mit einigen Abstechern auf die Bühne, immer in der Technik tätig war und seit diesem Jahr ihr technischer Leiter ist.

Und jetzt wundert ihr euch auch sicherlich nicht, dass es einen festen Programmpunkt auf unseren Weihnachtsfeiern gibt: Die Verleihung des goldenen Brüggemann (ehrlich, den gibt es wirklich). Verliehen wird er jedes Mal an denjenigen, der sich besonders um das Ensemble verdient gemacht hat, also quasi so ist wie Karola.

Ach, einen hab‘ ich noch zum kleinen Vampir, bevor ich euch mit unserem Jugendstück bekannt mache. Was fällt euch zum Thema Vampire ein? Blut! Stimmt, mein‘ ich aber nicht. Holzpflöcke! Gab es bei uns, ist aber auch nicht gemeint. Hab‘ ich da Knoblauch gehört? Stimmt. Vampirjäger Geiermeier ohne Knoblauch geht gar nicht, also hängte man Udo Dülme als Teil seines Kostüms einen großen Kranz echten Knoblauchs um. Zwar diente er, die Rolle absolut naturalistisch darzustellen, gleichzeitig sorgte er aber auch dafür, dass nicht nur die Bühne, sondern gleich auch noch Zuschauerraum und Hausflur gleichmäßig nach Knoblauch rochen. Ab der zweiten Vorstellung wurde auf die naturalistische Auslegung der Rolle verzichtet und auf einen Knoblauchkranz aus 100% PVC gesetzt. „Der kleine Vampir” war übrigens die letzte Inszenierung von Herwig Mark, der auch die künstlerische Leitung des Theaters abgegeben hatte. Heute weilt er die meiste Zeit in seinem geliebten Italien, und wenn man ihn trifft, meint man die Zeit sei stehen geblieben, denn die letzten 10 Jahre sind spurlos an ihm vorüber gegangen, echt wahr.

Wie im Jahr zuvor mit „Klamms Krieg” hatte sich Laurentiu Tuturuga wieder des Jugendstücks angenommen, sein Titel: „Das Herz eines Boxers”. Es ist wieder einmal ein Grips-Theater Stück aus der Feder von Lutz Hübner.

Der 16-jährige, ziemlich großmäulige Jojo muss im Altenheim Strafdienst ableisten, wozu ihn der Jugendrichter wegen Moped-Diebstahls verurteilt hatte. In einem Zimmer in der "geschlossenen" Abteilung, das er zu streichen hat, begegnet er dem zunächst verschlossenen "roten Leo", einem ehemals berühmten Boxer, der nichts sehnlicher wünscht, als aus der Anstalt zu fliehen. Anfangs haben sich die beiden nichts zu sagen, endlich reagiert der alte Herr auf die verbalen Provokationen des jungen Straftäters, schließlich gewinnt der dessen Respekt und sie beginnen sich der gemeinsamen Realisierung ihrer Wünsche und Sehnsüchte zuzuwenden: Leo will nach Südfrankreich verschwinden, Jojo will das Herz seiner Geliebten erobern und sich aus der Abhängigkeit seiner Clique befreien.

In der Berliner Uraufführung spielte kein geringerer als Axel Prahl die Rolle des JoJo, zu dem Zeitpunt immerhin schon stolze 36 Jahre alt. Wir besetzten diese Rolle wie immer altersgerecht mit Adi Taha. Und Udo Dülme, jetzt im Seniorenfach angekommen, war der Boxer Leo. Ich erinnere ein tolles Stück, bei dem alles passte. Wir spielten es auf der kleinen Bühne des Rex-Theaters, die geradezu geschaffen war für dererlei kleine, aber feine Inszenierungen und „Das Herz eines Boxers” war so eine kleine Feine.

Am Rande sollte noch erwähnt werden, dass sich Laurentiu die Regie bei diesem Stück teilte und so Lars Emrich zurück an das Wuppertaler Kinder- und Jugendtheater brachte, der einige Jahre in der Welt des Films und Fersehens verbracht hatte und mittlerweile in Köln lebte.

Auf der Suche nach einem neuen künstlerischen Leiter fiel die Wahl auf Laurentiu Tuturuga, der zu diesem Zeitpunkt bereits für 55 Inszenierungen des Wuppertaler Kinder- und Jugendtheaters Bühnenbilder und Kostüme entworfen hatte.

Bei Laurentius erstem Weihnachtsstück ging er auf Nummer sicher und entschied sich…? Genau. Wieder einmal musste das Sams herhalten. Zum letzten Mal bis heute erstürmte es die Bühne gegen Jahresende, und wie 1994 hieß das Stück „Eine Woche voller Samstage”. Auch der Tradition, immer einen neuen Darsteller des Sams aufzubieten, kamen wir nach. Isabel Lipke war es diesmal, und Christine Marras, die im Jahr 2000 noch selbst das Sams war, spielte diesmal Frau Rotkohl. Nur Dieter Marenz blieb seiner Rolle als Herr Taschenbier treu. Und wieder stehen 3 Brüggemänner, diesmal sogar alle zusammen, auf der Bühne.

Aller guten Dinge sind drei, sagt der Volksmund, und deshalb werde ich jetzt, nachdem ich fast 3 DIN A4 Seiten gefüllt habe, aufhören.

Bis nächste Woche
Euer Uwe