40 Jahre - 2004

Kapitel 34 (2004)
von Uwe Weinreich

Wir haben uns eingerichtet in den neuen Räumen in der Margaretenstraße. Auch die ersten Belastungsproben auf Feiertauglichkeit hat die „Margarete” gut überstanden. Das Frühjahr wartete mit einer für uns neuen Art des Theaterspiels auf. Laurentiu Tuturuga inszenierte „Das kleine wilde Tier”, eine wunderbare Geschichte aus Schweden. Er schuf, wie er es nannte, einen Theater-Traumplatz. Dies war ein Oktogon, das in der Mitte des Zuschauerraums aufgebaut war, und in dem die kleinen Zuschauer selbst Platz fanden und damit ganz nahe dem Geschehen waren, eintauchten in die Traumwelt des Theaters, ja damit sogar Teil des Spiels wurden. Die erwachsenen Zuschauer, außerhalb des Rondells sitzend,  hatten den zweifachen Spaß, sowohl dem Theaterstück zu folgen als auch ihre Kinder beobachten zu können.

Ein Junge hatte eine Großmutter. Weil sie bereits hundert Jahre alt war, starb sie. Der Junge war nun ganz allein. Nachdem er eine zeitlang getrauert hatte, siegte die Neugier aufs Leben und er begab sich hinaus in die Welt. Im Wald begegnete er einer alten Frau. Sie warnte ihn vor dem Riesen. Doch der Junge war müde, hungrig und ihm war kalt. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, in das Haus mit dem Riesenbett zu gehen. Natürlich kam wenig später der Riese herein. Er ärgerte sich furchtbar über den ungebetenen Gast und verwandelte den Jungen zur Strafe in ein kleines wildes Tier. Nun war der Junge noch einsamer, denn weder das Hermelin noch die Waldwichtel wollten etwas mit ihm zu tun haben. Da begegnete ihm wieder die alte Frau. Sie erkannte in ihm den Jungen von damals und gab ihm den Rat, einen Freund zu suchen, um erlöst zu werden. Die Suche nach der Liebe war beschwerlich. Endlich fand das kleine wilde Tier ein stummes Mädchen, das sich nicht von seinem hässlichen Äußeren abschrecken ließ. Als der Förster auf das Tier schoss, stellte sie sich schützend davor. Da fiel das Fell von dem kleinen wilden Tier ab, und der Junge kam zum Vorschein. Aber an der Stelle, wo das Mädchen gestanden hatte, wuchs nur eine rote Blume. Wieder kam die alte Frau. Sie brachte Lebenswasser, das der Junge vorsichtig auf die Blume tropfte. Plötzlich stand das Mädchen vor ihm und sie konnte sogar sprechen. Gemeinsam begaben sie sich auf die Wanderung…

Und was bleibt? Natürlich das, was wir Großen schon immer gewusst haben: Das Wichtigste im Leben ist, Menschen zu haben, die einen lieben. Ich hätte gerne mitgespielt in diesem Stück, das in seiner Art ein „Gesamtkunstwerk” war. Es korrespondierten das Bühnenbild in seinen warmen Farben mit den Kostümen der Darsteller, die außer dem gut aufgelegten Hauptdarsteller Georg Florian, der während der Endproben für den plötzlich erkrankten Rainer Kreusch einsprang, in verschiedenen Rollen auftraten. Alles wiederum verwob sich mit der von Christoph Iacono komponierten Musik, die live gespielt wurde (Ich erinnere ein wunderbares Saxophon). Und Christoph ließ es sich nicht nehmen, selbst in verschiedenen Rollen (Katze, Fritz und Jäger) aufzutreten. Andrea Siebott warGroßmutter, alte Frau und Eule (herrlich der Regenschirm, der zur Eule wird) und Alexandra Gaede, Regieassistentin, brachte den überdimensionalen Kopf des Riesen zum Leben. Mein absoluter Favorit waren aber die Momente, wenn Silke Welbers die Puppen tanzen ließ, im wahrsten Sinne des Wortes, dann nämlich, wenn sie gleichzeitig Hermelin und Mäuse war. Und auch sie übernahm noch die Rolle von Ortrud und dem Mädchen.

Es war wirklich Traumtheater.

Noch vor den Sommerferien kamen wir mit dem Jugendstück heraus. Es war „Crazy” nach dem auf allen Bestsellerlisten stehenden Erstlingsroman des 16-jährigen Benjamin Lebert, der hierin seine eigene Lebenssituation romanhaft niedergeschrieben hat.

Petra Wagner schreibt in unserem Flyer zu dem Stück:

 Ich bin sechzehn Jahre, und ich bin ein Krüppel. Nur, damit ihr es wisst. Ich dachte, es wäre von beiderseitigem Interesse.” (Benjamin)

Na gut, die fünfzehn haben die anderen in Benjamins (David Fischbach) neuer Klasse auch geschafft. Aber halbseitig gelähmt, damit setzt er eine neue Nuance im Schloss Neuseelen, jenem Ort, der Eltern die Erziehungsarbeit erfolgreich abzunehmen verspricht. Andererseits: Behindert, was heißt das schon!

Da ist Felix (
Florian Leckebusch), schokoschneckenverfressen, alles andere als glücklich und Zielscheibe sadistischen Lehrerspottes (Dieter Marenz). Oder Troy (Sven Roßbach), bettnässend, einsam, mitlaufend. Und Janosch (Terje Schneider/ Matthias Wirths), reiche-Eltern-Söhnchen, brutal in seinen Scherzen, weinend, weil er doch nicht nach Hause darf am Wochenende.

Wer bislang das Internatsleben nur aus Hanni-und-Nanni-Romantik kennt, wird seinen Augen kaum trauen beim Reinschauen in diesen Mikrokosmos diesseits der Alpen: Mit zarten Jungmädchen-Streichen hat man hier nichts am Hut. Hier, in Schloss Neuseelen, kämpfen die Jungs um ihr eigenes Ich. Aber wie formt sich das eigene Ich, wenn man sechzehn ist und alles andere offen?

Ganz vorne steht, wer bei den Mädchen gut ankommt. Die sind irgendwie weiter. Zumindest kommt es den Jungen so vor. Benjamin und Janosch sind beide in Malen (Sally Taha) verliebt. Zwischen zaghaftem Liebeseingeständnis und Bananen-Kondom-Geübe trainiert sich die Internats-Boygroup für das große Abenteuer Zärtlichkeit – allerdings so fern der Verwirklichung, dass es alle jenseits der sechzehn schaudert in der Rückschau. Und die Jüngeren mögen hoffen, dass sie es einfacher treffen werden.

Die ganze Jugend ist ein einziges großes Fadensuchen. (Florian)

Das seit „Herz eines Boxers eingespielte Regiegespann Laurentiu Tuturuga & Lars Emrich hatte sich elf „16-Jährige ausgesucht, um mit ihnen diesen schweren Stoff umzusetzen. Ihr wisst, es gibt nichts Schwierigeres als seine eigene Lebenssituation auf der Bühne darzustellen. Und ich ziehe tief meinen Hut vor der Leistung, die die beiden aus der „bunten Truppe herausgekitzelt haben. Hier möchte ich vor allem David Fischbach nennen, der die Hauptrolle des behinderten Benjamin mit Bravour meisterte. Und wie einst Annika Kuhl ihre ersten Bühnenschritte bei uns im Wuppertaler Kindertheater vollzog, um dann in die große Welt von Theater, Film und Fernsehen zu verschwinden, so hat auch David sich entschlossen, diesen Weg einzuschlagen, nur dass er für uns noch nicht so ganz verschwunden ist. In diesem Frühjahr konntet ihr ihn noch bei uns in „Unterm hohen Himmel: Parzival sehen.

Und jetzt heißt es: „Parole Emil”. Ich denke, keiner unter euch weiß nicht, was damit gemeint ist. Für Ende des Jahres hatten wir uns einen wahren Klassiker vorgenommen, Erich KästnersEmil und die Detektive”. Wer hat nicht dieses Buch gelesen, stehen doch Astrid Lindgren und Erich Kästner, obwohl ihre schöpferische Phase schon lange zurückliegt (Emil entstand 1929), immer noch hoch im Kurs. Es ist das einzige Buch Kästners, das bei der Bücherverbrennung 1933 nicht den Flammen zum Opfer fiel, dann aber doch 3 Jahre später von den Nazis verboten wurde. 8 filmische Umsetzungen entstanden im Laufe der Jahre, und Erich Kästner selbst bearbeitete den Stoff schon 1930 für das Theater. 2001 gab es die Premiere des Musicals im Berliner Theater am Potsdamer Platz, dessen Version auch wir uns bedienten. Und weil Lars Emrich und Laurentiu Tuturuga bei „Crazy” so wunderbar mit einem Haufen Jugendlicher fertig wurden, legten sie hier gleich noch mal nach und teilten sich die Regiearbeit auch bei „Emil”.

Der zwölfjährige Emil Tischbein reist aus der heimatlichen Kleinstadt erstmals nach Berlin, um Verwandte zu besuchen. Seine Mutter hat ihm 140 Mark zur finanziellen Unterstützung der in Berlin lebenden Großmutter mitgegeben. Dieses Geld wird ihm im Eisenbahnabteil von einem Mitreisenden, der sich Grundeis nennt, gestohlen. Da Emil selbst daheim etwas ausgefressen hat, wagt er nicht, sich an die Polizei zu wenden und verfolgt den Dieb vom Bahnhof Berlin Zoologischer Garten an auf eigene Faust. Er wird von dem gleichaltrigen Berliner Jungen "Gustav mit der Hupe" angesprochen: „Du bist wohl nicht aus Wilmersdorf?” Gustav trommelt einige Freunde zusammen, die eine Kriegskasse anlegen und einen Nachrichtendienst organisieren („Parole Emil!”). Die selbsternannten Detektive beschatten den Dieb quer durch Berlin und sammeln Indizien. Dabei kommt es zu gruppeninternen Konflikten, weil manche Jungen die ihnen übertragene Aufgabe nicht erfüllen wollen. Da Emil per Boten seine Verwandten informiert, gesellt sich auch seine Cousine Pony Hütchen zu den Detektiven.

Als der von der Verfolgung nervös gemachte Dieb in einer Bank die gestohlenen Geldscheine umtauschen will, wird er von den Detektiven und einer großen Menge Kinder gestellt und der Polizei übergeben. Die bei ihm gefundenen Geldscheine werden dadurch identifiziert, dass sie feine Löcher aufweisen, weil Emil das Geld in seiner Jackentasche mit einer Nadel festgesteckt hatte. Weitere Ermittlungen ergeben, dass Grundeis ein gesuchter Bankräuber ist.

Weil naturgemäß viele Kinder in diesem Stück mitspielen und bei einer Weihnachtsproduktion innerhalb kurzer Zeit viele Aufführungen gestemmt werden müssen, gab es für die Kinderrollen eine Doppelbesetzung. 20 Kinder wurden bei einem Casting auf Herz und Nieren, bzw. in unserem Fall auf Stimme und Bühnenpräsenz geprüft. Eine große Erleichterung war da von Anfang an die Zusammenarbeit mit Sarah Semke und Andrea Anders von der Bergischen Musikschule, die auch später alle Gesangsproben leiteten. Robert Boden war musikalischer Leiter einer kleinen hochkarätigen Band. Auch hier wurden aufgrund der vielen Aufführungen einige mit vorher eingespieltem Playback gespielt, bei anderen spielte die Band live. Gesungen wurde natürlich immer live!

Obwohl die Geschichte über 80 Jahre auf dem Buckel hat und wir sie auch weitgehend in dieser Zeit beließen, war es Dank eines Haufens spielfreudiger Jugendlicher eine ansteckend frische und mitreißende Inszenierung, die auch wegen der gesungenen „Ohrwürmer” zu keiner Zeit langweilig war. Und ich hatte überhaupt keine Probleme damit, dass viele der Jungenrollen von Mädchen gespielt wurden. Sabine Ries war Emil und Patricia Wirth war Gustav mit der Hupe. So ist das nun mal bei uns in der Schauspielschule. Es gibt viel mehr Mädchen als Jungen.

Und nachdem ich „Crazy” und diese Aufführung gesehen habe, ist mir auch um den Fortbestand des Kindertheaters nicht bange.

Und nächste Woche, holla die Waldfee, wird es sehr, sehr klassisch. Ich sage nur William Shakespeare, Heinrich von Kleist und Tausendundeine Nacht.

Bis nächste Woche
Euer Uwe