40 Jahre - 2005

Kapitel 35 (2005)
von Uwe Weinreich

Letzte Woche hatte ich euch versprochen, dass es klassisch zugehen wird diese Woche, und was man verspricht, muss man auch halten. Gehen wir’s an. Das Frühjahr 2005 rief keinen Geringeren als William Shakespeare auf den Plan. Stefan Schroeder hatte sich seinen Text von „Der Sturm” vorgenommen und ihn adäquat für unser Zielpublikum, in diesem Fall ab 9 Jahre, zurechtgeschnitten. Es wurde daraus „Zauber, Sturm und Ariel”. Ich bin ein absoluter Shakespeare-Fan und fand es immer schon schade, dass er so selten in unseren Spielplänen auftauchte. „Der Sturm” ist seine letzte Arbeit, und die Premiere fand am 1. November 1611 in London statt.

Von seinem Bruder vertrieben landet Prospero, rechtmäßiger Fürst von Mailand, zusammen mit seiner Tochter Miranda auf einer Insel. Lange Jahre vergehen und Prospero sucht Hilfe in der Kunst der Magie. Ihm gelingt es, den Luftgeist Ariel zu seinem Diener zu machen, indem er ihn aus einem Baum befreit. Zudem hat er Caliban zum Untergebenen, der einst über die Insel herrschte und als Sohn einer stummen Hexe aufwuchs.

Schließlich kommt Prosperos Gelegenheit zur Rache: Sein Bruder und der Fürst von Neapel segeln nahe der Insel vorbei. Prospero befiehlt Ariel, einen Sturm zu entfachen. Das Unwetter wirft die Würdenträger und einige Diener auf den Strand der Insel. Doch Prosperos Plan beginnt erst: Er will seine Tochter mit dem Sohn des Fürsten von Neapel zusammenbringen und gleichzeitig seinen eigenen Titel wiedergewinnen. Caliban versucht ebenfalls, sein Königreich zurückzubekommen: Die Insel, die Prospero ihm nahm. Und auf dieser Insel sind jetzt alle Streithähne beisammen und müssen ihren Zank und Zwist austragen.

Ein typischer Shakespeare: Ganz viele Personen (auch bei uns standen 12 Darsteller auf der Bühne), ganz viele Umstände und Verzwicktheiten um Liebe, Macht, Intrigen, Streit und Zauber – und zum Schluss ist die Welt wieder in Ordnung.

Stefan Schroeder hatte sich große Mühe gegeben, diesen Stoff mit seinen komplizierten Familienverhältnissen für Kinder einfach zu erzählen. Dies gelang ihm außerordentlich gut, sodass uns die Liebesgeschichte von Miranda und Ferdinand (Anna Rauhaus und Daniele Nese) und der Bruderkrieg zwischen Prospero und Antonio (Knut Heimann und Dieter Marenz) auf angenehm leichte und luftige Art vermittelt wurden. Apropos luftig, wieder war es David Fischbach, der in der Rolle des Luftgeistes Ariel ein wunderbares Stück Theater über die Bretter in den Zuschauerraum pustete; aber über ihn habe ich euch ja schon letzte Woche berichtet.

Dieses Stück war im Übrigen eine Kooperation mit den Wuppertaler Bühnen. Um die schnellen Szenewechsel besser über die Bühne gehen zu lassen, hatte Laurentiu Tuturuga eine klassische Drehbühne entworfen. Diese benötigte aber als Fundament eine Metallkonstruktion, die in den Werkstätten des Opernhauses geschweißt wurde. Susanne Zeibig, unsere Schreinerin, arbeitete auch im Hauptberuf bei den Wuppertaler Bühnen und musste diesmal nicht extra die Werkstatt wechseln, um am aktullellen Bühnenbild des Kinder- und Jugendtheaters zu schreinern. Ebenso konnte Eva Droste-Wagner in der Schneiderei der Wuppertaler Bühnen zauberhafte Kostüme anfertigen.  Christoph Iacono schrieb eine wunderbare Musik, die uns auf die Zauberinsel Prosperos begleitete.

Bleiben wir klassisch und wenden uns dem Herrn Kleist zu. Ihr wisst schon, Heinrich von Kleist, Vater von „Der zerbochene Krug” und „Käthchen von Heilbronn”. Wir spielten allerdings nicht eins dieser beiden sondern „Kohlhaas”, eine Novelle, die er 1810 veröffentlichte. Die Erzählung spielt in der Mitte des 16. Jahrhunderts und handelt vom Pferdehändler Michael Kohlhaas, der gegen ein Unrecht, das man ihm angetan hat, zur Selbstjustiz greift und dabei nach der Devise handelt: „Fiat iustitia, et pereat mundus” (dt.: „Es geschehe Recht, selbst wenn darüber die Welt zugrunde gehen sollte”).

Um es vorweg zu nehmen, Michael Kohlhaas ist kein armer geknechteter Tagelöhner, sondern ein angesehener Bürger mit Wohlstand. Worum geht es? Letztendlich „nur” um zwei geschundene Pferde und einen misshandelten Knecht. Aber Michael Kohlhaas will Gerechtigkeit, egal, was sie kostet. Und sie kostet viel, am Ende sein eigenes Leben.

Sind wir als Zuschauer am Anfang noch auf seiner Seite und fühlen das Unrecht, das ihm widerfährt, so merken wir im Laufe des Stücks, dass uns Unbehagen ergreift und wir es nicht mehr gutheißen, wie er versucht, gegen dieses Unrecht anzugehen. Heute würde man sagen: Er geht in den Untergrund. Und eine Spur von Brandschatzung und Gemetzel säumt jetzt seinen Weg, sein eigenes Handeln wächst ihm über den Kopf. Es gibt kein Zurück, und nur der Galgen wird ihn stoppen.

Die Italiener Marco Baliani und Remo Rostagno haben nach Motiven der Novelle von Heinrich von Kleist ein beeindruckendes Erzähltheater geschaffen. Zwei Schauspieler (Knut Heimann und Rainer Kreusch) schlüpfen in die verschiedenen Rollen und beeindrucken uns Zuschauer mit ihrem sehr intensiven Spiel. Rainer Kreusch ist hinreißend in der Szene am Sterbebett seiner Frau, die nur durch ein weißes Kleid symbolisiert wird, und Knut Heimann als Martin Luther ist einfach nur Spitzenklasse. Zwei Männer, ein Tryptichon, eindrucksvolle Hieronymus-Bosch-Bilder und ein Klangteppich (Musik: Robert Boden), der sich mit den Bildern vereinigt und uns 60 Minuten in Atem hält. Was braucht es mehr für eine gute Theateraufführung?

Und der dritte Klassiker kommt aus der Märchenwelt zu uns, genauer gesagt aus der orientalischen Märchenwelt. „Ali Baba und die 40 Räuber” stand schon 1974 auf dem Programm, und damals schrieb ich: Bei diesem Märchen gibt es für eine Bühne immer nur ein Problem: „Wie besetze ich die 40 Räuber?” Während Paul Winterling seine wenigen Räuber einfach im Kreis laufen und so mehrmals auftreten ließ, verfiel Laurentiu Tuturuga auf die geniale Idee, seinen 5 Räubern einfach jeweils 8 Räuberhüte, alle übereinander und wohlnummeriert, aufzusetzen, wodurch dem Zuschauer auf einfache Weise klargemacht wurde, dass hier 40 Räuber auf der Bühne waren. Und es funktionierte.

Lars Emrich, im Frühjahr bei „Zauber, Sturm und Ariel” noch Regisseur, wechselte diesmal in die Rolle des Schreibers und bearbeitete sehr zeitgemäß dieses im Original sehr opulente Märchen. Heraus kam ein charmant-witzig-bunt-temperamentvolles Stück Theater. Das fanden übrigens auch Verantwortliche aus Esch-sur-Alzette, die bereits „Emil und die Detektive” zur Förderung der deutschen Sprache nach Luxemburg geholt hatten. Auch Ali Baba sollte 2006 als Sommerstück nach Esch rollen.

Ich sage jetzt nur noch nur: „Sesam, öffne dich”, womit ich natürlich meine, dass ihr auch nächste Woche wieder unsere Webseite öffnet.

Bis nächste Woche
Euer Uwe