40 Jahre - 2006

Kapitel 36 (2006)
von Uwe Weinreich

Das Frühjahr 2006 stand ganz im Zeichen des Beginns einer neuen Welle. Ich spreche von der Funke-Welle oder, genauer gesagt, einer sehr intensiven Auseinandersetzung mit Werken von Cornelia Funke. Ihre Bücher, sicherlich Eingeweihten schon lange bekannt, öffneten sich einem breitem Publikum erst jetzt, da sie plötzlich vermehrt in den Medien auftauchten und Verfilmungen in die Kinos kamen. Tsunamigleich schwappte diese Welle auch über das Wuppertaler Kinder- und Jugendtheater. Lars Emrich übernahm die Regie für „Herr der Diebe” und, wie sich im Nachhinein herausstellen sollte, war dieses Stück für Lars fast so etwas wie eine Fingerübung für noch größere Taten.

Ihr wisst, was ich meine? Exakt, es ist die Tintentrilogie. Aber so weit sind wir noch nicht. Da müsst ihr leider noch ein Jahr warten. Und dieses Stück, „Herr der Diebe”, einfach nur als Fingerübung abzutun, liegt mir absolut fern. Ich liebe es sehr (eigentlich mehr als die 3 Tintenweltromane – aber das bleibt jetzt mal unter uns). Auf der Bühne war ein Stück Venedig entstanden, und eigentlich hätte man jetzt noch den Saal fluten müssen, um auch noch das letzte Stück Venedig-Feeling zu vermitteln.

Im Mittelpunkt stehen Bo und Prosper, die nach dem Tod ihrer Mutter in deren Lieblingsstadt, nach Venedig, fliehen. Zwar könnte der 8-jährige Bo bei Tante Esther und Onkel Max in Deutschland bleiben, den 3 Jahre älteren Prosper wollen sie allerdings nicht zu sich nehmen. Unterschlupf haben Bo und Prosper bei einer Bande von Waisenkindern gefunden, die versteckt in einem alten leerstehenden Kino leben. Angeführt werden sie von Scipio, der, als „Herr der Diebe” maskiert, spektakuläre Einbrüche in die Häuser und Paläste der Reichen unternimmt. Durch den Verkauf des Diebesguts an den Antiquitätenhändler Barbarossa verdienen sich die Kinder ihren Lebensunterhalt. Barbarossa vermittelt ihnen sogar einen Auftrag eines geheimnisvollen Adligen. Was Bo und Prosper nicht ahnen: Tante Esther sucht sie mit Hilfe des Privatdetektivs Victor Getz.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein geheimnisvolles Karussell, auf dem Kinder zu Erwachsenen und Erwachsene zu Kindern werden können. Besucher unserer Ausstellung zum 40-jährigen Jubiläum konnten es im Rathaus bewundern. Dieses Karussell war mit der gleichen Liebe in unserer Werkstatt unter den Händen von Susanne Zeibig, Bianka Buße und P.P.L. Osewald entstanden wie die venezianischen Kostüme von Eva Droste-Wagner geschneidert wurden. Für die traumhaften Musiken sorgte diesmal Andreas Grimm.

Und, wie schreibt Valeska von Dolega in der WZ: „Mit Herr der Diebe hat Regisseur Lars Emrich einen Knaller gelandet, der Premierenapplaus war tosend und es regnete rote Rosen von der Empore.” Fast 2 Stunden Theater ohne Pause vergingen wie im Fluge dank einer spannenden Inszenierung, in dem mir vor allem die quirligen Darsteller der Kinder in Erinnerung sind und die wunderbare Atmosphäre, die trotz aller Unzulänglichkeiten unseres Theaterraums in der Bundesallee, Venedig entstehen ließ. Ich habe euch extra einmal ein paar Fotos herausgesucht, die auch die Arbeit außerhalb der Bühne zeigen. Da seht ihr z. B., wie der venezianische Löwe Stück für Stück entstanden ist und wie der Regisseur und seine Assistentin gespannt einer Probe folgen.

Diese Woche hab ich es relativ leicht, da es 2006 nur zwei Inszenierungen gab. Wir hatten auf ein neues Jugendstück in diesem Jahr verzichtet. Dafür hatten wir uns aber, nachdem bereits die Frühjahrsproduktion eine große Aufgabe war, auch für das Weihnachtsstück keine leichte Arbeit geschultert.

2006 sollte es also wahr werden: Wir spielten „Pippi Langstrumpf”. Ich hatte euch ja bereits erzählt, dass wir bisher um dieses Stück von Astrid Lindgren immer einen großen Bogen gemacht hatten. Dies hatte zwei entscheidende Gründe. Pippi Langstrumpf und die Villa Kunterbunt bringt man ja noch relativ einfach auf die Bretter; aber was macht man mit Pippis Pferd, dem kleinen Onkel, oder ihrem Affen, Herrn Nilsson? Im Buch stemmt Pippi wie nichts zwei Polizisten in die Höhe, in der Phantasie und im Film leicht umsetzbar, aber im Theater?

Neben diesen Überlegungen spielte aber auch eine Rolle, dass wir uns immer dem ehrlichen und ernsthaften Kindertheater verschrieben haben (was nicht heißt, dass es bei uns nicht lustig zugehen kann – ganz im Gegenteil). Pippi Langstrumpf, schon über 60 Jahre alt, wurde bereits 1986 von Astrid Lindgren selbst bearbeitet und diente über viele Jahre (und auch heute noch) an allen Theatern als kassenklingelndes „Weihnachtsmärchen”. Leider wurde es auch oft nur unter dieser Prämisse inszeniert. Pippi Langstrumpf landet auch heute noch in der gleichen Weihnachtskiste, aus der so viele nur unter kommerziellen Gesichtspunkten gesehene Stücke entstehen. Um nicht falsch verstanden zu werden, auch wir haben nichts dagegen, wenn unser „Weihnachtsmärchen” 40 ausverkaufte Vorstellungen abliefert; aber wir haben etwas dagegen, wenn die Weihnachtszeit dazu benutzt wird, schlechtes Theater abzuliefern. Ohne der Theaterleitung vorzugreifen, hoffe ich, dass ein Benjamin Blümchen niemals auf unser Bühne steht. 

So, jetzt habe ich mich genug ereifert über oft liebloses Kindertheater, das nur dem Kommerz verpflichtet zu sein scheint. Wir wollten Pippi Langstrumpf wieder als die Geschichte präsentieren, als die sie 1944 von Astrid Lindgren erdacht und 1986 dramatisiert wurde: Ein Mutmacherstück für alle Kinder, ein Lehrstück, sich niemals unterkriegen zu lassen und an die eigene Stärke zu glauben.

Wusstet ihr schon, dass Pippi Langstrumpf mittlerweile als Vorbild für die Frauenbewegung und den Feminismus gilt? Bei vielen ist sie die Erfinderin des Punk, und noch lange, bevor die Jahreszahl 1968 eine Bedeutung bekam, kann man bei ihr autonome und anarchistische Strömungen entdecken. Dies alles ist leider über die Jahre zu leicht im bunten Trallali-Trallala-Theatersumpf weggebügelt worden.

Nun also wollten wir wieder eine Pippi spielen, die Astrid Lindgren gerecht wurde. Keine leichte Aufgabe. Die Regie übernahm diesmal Tobias Wessler, der über viele Jahre selbst bei uns als Darsteller agierte hatte (u.a. in „Die Physiker”, „Tabaluga”, „Cyrano de Bergerac”) und nun die Schauspielerei zu seinem Beruf gemacht hatte. Neben seiner Regiearbeit war er mit Jochen Kilian auch für die Musik zuständig.

Ich denke, die Geschichte kennt ihr alle. Nicht? Okay, aber dann ganz kurz.

Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpfist ein freches neunjähriges Mädchen mit Sommersprossen, dessen rotes Haar zu zwei abstehenden Zöpfen geflochten ist. Zudem vereinigt sie viele Eigenschaften in sich, die sich Kinder wünschen. So wohnt sie allein mit ihrem Pferd „Kleiner Onkel” und dem Affen „Herr Nilsson” in einem eigenen Haus, der Villa Kunterbunt. Auch ist Pippi sehr mutig und das stärkste Mädchen der Welt. Mit ihren Phantasiegeschichten bringt sie die Welt zum Tanzen und triumphiert über Einbrecher, Lehrerinnen, Polizisten und alte Kaffeetanten. So wird sie nicht nur für Thomas und Annika eine wunderbare Freundin. Manchmal gibt es aber auch Momente, in denen Pippi ganz traurig ist, weil sie ihre Mutter vermisst und hofft, dass endlich ihr Vater kommt und sie mit ihm an Bord der Hoppetosse in ferne Länder reisen kann. Wie gut, dass es dann ihre beiden Freunde gibt, die sie wieder aufmuntern.

Inga Winter war diese quirlige, himmelhochjauchzende, überdrehte Pippi, die auch die leisen Töne beherrschte, auf die es Tobias Wessler besonders ankam, weil wir ja, wie bereits erwähnt, das vorherrschende Pippi-Klischee brechen wollten. Annika und Thomas, gespielt von Patricia Wirth und Rico Kukec, sind eigentlich die beiden undankbarsten und deshalb schwierigsten Rollen, da sie ohne eigene Geschichte als Nachbarskinder mehr oder weniger nur Stichwortgeber sind. Alle drei jungen Darsteller zeigten eine große Spielfreude und tanzten und sangen sich in die Herzen der Zuschauer.

Na ja, und alle anderen Rollen sind eigentlich gefundene Fressen für jede „Rampensau”. Der leider viel zu früh verstorbene Harald Kaymer und Kristof Stößel durften in die verschiedenen Rollen dieses Genres schlüpfen, Polizisten, Seeräuber, Kaffeetanten (herrlich Harry mit Damenbart). Okay, ich hab mich vertan, nicht alle anderen Rollen wurden von den beiden übernommen; denn auch Lehrerin Fräulein Prysselius (Andrea Siebott) und Kapitän Langstrumpf (Michael Lippkau) gehören einfach in eine Pippi-Geschichte.

Den Zuschauern hat’s gefallen, unserem Kassenvorstand hat’s gefallen, und ich bin mir sicher, auch Astrid Lindgren hätte es gefallen. Wie sagt Pippi in einer Szene? Es ist gefährlich, zu lange zu schweigen. Dann klebt einem die Zunge fest. Daran werde ich mich jetzt halten und gleich mit meinen Gedanken zum Jahr 2007 anfangen. Ihr müsst darauf allerdings noch eine Woche warten.

Ich wünsche euch keine festgeklebten Zungen.

Bis nächste Woche
Euer Uwe