40 Jahre - 2007

Kapitel 37 (2007)
von Uwe Weinreich

Bevor ich in ein gewaltiges Jahr 2007 einsteige, noch ein kleiner Nachtrag zum Vorjahr. Am 9. September wurde das 2. Wuppertaler Geschichtsfest veranstaltet. Michael Knieriem, der damalige Leiter des Historischen Zentrums, zu dem auch das Engels-Haus gehört, hatte ein Mini-Drama, eine Theaterszene mit und über Friedrich Engels verfasst, die im Engels-Haus aufgeführt werden sollte. Die Szene hatte den Titel „Einen Widder in die Wüste treiben” und Lars Emrich war beauftragt, es einzustudieren. So kam es, im wahrsten Sinne des Wortes, zu einem historischen Moment in der Geschichte des Wuppertaler Kinder- und Jugendtheaters. Wir warfen uns in Roben des 19. Jahrhunderts und organisierten passendes Silberbesteck, Tischtuch und Teller, da die Szene am Esstisch der Familie Engels spielte. David Becher war der junge aufsässige Friedrich Engels, Udo Dülme und Rita Reineke spielten seine Eltern Friedrich und Elisabeth Engels. Ferner waren am Tisch Friedrichs Schwester Marie (Anna Rauhaus) und Karl Snethlage, Hofprediger und angeheirateter Onkel Friedrichs, den ich spielte. Und dann war da noch Gertrud „Drütschen” Spranger (Sandra Spallek) Bedienstete im Hause Engels. Es war für uns alle eine außerordentlich interessante Arbeit, speist man doch nicht alle Tage an dem Tisch, an dem bereits 150 Jahre zuvor Friedrich Engels saß.

So, jetzt aber angeschnallt, wir starten in das Jahr 2007, ein Jahr, in dem wir sehr umtriebig waren. Nicht nur, dass drei große Produktionen das Licht der Welt erblickten, sondern zusätzlich wurde auch noch ein kleines feines Kofferstück entwickelt, und ein neuer Theaterleiter trat auf den Plan.

Aber der Reihe nach. Alles begann mit den Proben für „Die Schatzinsel”, jener bekannten Geschichte von Robert Louis Stevenson, entstanden Ende des vorletzten Jahrhunderts. Laurentiu Tuturuga hatte sich selbst diesen Jugendbuchklassiker in der Bearbeitung von Andreas Gruhn verordnet und entwarf diesmal nicht nur Kostüme und Bühnenbild, sondern führte auch noch selbst Regie. Im großen Saal des Rex-Theaters waren es ganze fünf Schauspieler und ein Schiff, die es schafften, die Bühne in Ozean, Pirateninsel und Spelunke zu verwandeln.

Okay, das Schiff wäre mit aller Wahrscheinlichkeit direkt nach dem Stapellauf untergegangen; aber das ist ja schließlich sogar der weltberühmten Vasa in Stockholm passiert, und unser Schiff sollte ja auch nicht wirklich schwimmen, sondern, wie immer bei Laurentius Bühnenbildern, sich in null Komma nichts verwandeln können. Und verwandeln war groß geschrieben in dieser Geschichte. Nur Sascha Kirschberger als Jim Hawkins und Knut Heimann als Erzähler durften ihre Rollen von Anfang bis Ende spielen. Silke Welbers, Rainer Kreusch und Dieter Marenz verwandelten sich dafür um so häufiger, genau wie das Schiff, um in insgesamt 13 Rollen zu glänzen, eine tolle Herausforderung für jeden Schauspieler, die sie bestens meisterten. Und auch die Bühnentechniker tauchten in Piratenkleidung auf und unterstützten die Schiffscrew.

Im England des Jahres 1758 nimmt ein alter Seebär namens Bill Bones Quartier in dem einsam gelegenen Gasthaus "Zum Admiral Benbow". Der Sohn des Gastwirtes, Jim Hawkins, findet bald heraus, dass Bones ein ehemaliger Pirat unter dem berüchtigten Captain Flint war und sich vor einem Einbeinigen fürchtet. Nachdem Bones eines Tages von einem unheimlichen Besucher einen „Schwarzen Fleck” erhalten hat, bricht er nach einem Schlaganfall tot zusammen. Damit beginnt einer der spannendsten Jugendromane, den ich kenne und der in einer Linie mit den Geschichten vom weißen Wal, Robinson oder den Jugendromanen von Mark Twain zu sehen ist. Ich will euch mit der weiteren Handlung verschonen. Zu viele Personen in zu vielen verzwickten Handlungssträngen tauchen auf und auch wieder unter (letzteres ist wörtlich zu nehmen). Und dies ist sicherlich auch das Hauptproblem bei der Umsetzung des Stoffes in eine 90-Minuten-Erzählung.

Die Kritik sah unsere Aufführung sehr differenziert. Es war von allem ein wenig zuviel: zuviel Schießerei und Stecherei, zuviel Bühnennebel und Blitz und Donner, zuviel Flucherei und Geschrei, zuviel Rum und fettes Gelächter und viel zu oft das Sch-Wort.

Ich denke, selbst der älteste Kritiker kann sich nicht mehr an die Zeit der Piraten und Segelschiffe zurückerinnern und weiß auch nicht mehr wirklich so genau, wie es in Hafenspelunken damals zuging. Einhellig gelobt wurde neben Laurentius Bühnenbild vor allem die stimmige Musik von Matthias Nahmmacher und die prächtigen Kostüme, die Johann Antoni geschneidert hatte.

Ich fühlte mich außerordentlich gut in die Zeit von Segelschiffen, Gold und Geschmeide, aber auch Pest und Cholera versetzt. Nur die Melodie von „15 Mann auf des toten Mannes Kiste” habe ich anders gelernt, habe aber auch festgestellt, dass es von diesem Lied genau so viele Versionen gibt, wie Männer auf des toten Mannes Kiste.

Und kaum war die Hispaniola in See gestochen, tauchte am Horizont schon die zweite Inszenierung auf. Wir hatten wieder ein Kofferstück auf Kiel gelegt, um in der Seemannsprache zu verbleiben. Es hieß „Die kleine Zoogeschichte” und hatte mit der Seefahrt absolut nichts zu tun. Wie alle unsere Kofferstücke war es vor allem dafür gedacht, flexibel mit kleinem Aufwand an allen möglichen Stellen gespielt zu werden. Es war, ähnlich wie schon beim Karneval der Tiere, ein Ein-Personen-Stück, gespielt von Matthias Brandebusemeyer.

Es sollte lange in unserem Spielplan verbleiben, diese Geschichte um Tierpflege-Azubi Matze, der alleingelassen im Zoo seine liebe Not mit all den Tieren hat. Dabei verwandelt sich Matthias in die verschiedenen Tiere. Ein Arm wird zum Rüssel des Elefanten, eine Federboa verwandelt ihn in einen Papagei, ein Paar Schwimmflossen, eine Badekappe und ein Lätzchen zaubern einen Pinguin auf die Bühne. Alles in allem ein herrliches Kabinettstück, das Laurentiu Tuturuga einstudiert hatte. Auch im nächsten Jahr wird es wieder zu sehen sein.

Wenden wir uns wieder den opulenteren Inszenierungen zu. Ja, es wurde wirklich opulent, stand doch mit „Tintenherz” der erste Teil der Tintentrilogie von Cornelia Funke auf dem Programm, und Lars Emrich hatte sich daran gewagt, 4 cm Buch mit 573 Seiten in eine Theaterfassung zu bringen. Und, wie gesagt, es war von Anfang an gedacht, auch die beiden Folgebände umzusetzen, ein wahrlich ambitionierter Plan. Aber er sollte voll aufgehen.

Tintenherz handelt von dem Buchbinder Mortimer Folchart (genannt Mo), gespielt von Tobias Uhl und seiner Tochter Meggie (Patricia Wirth). Mo, der Buchliebhaber und Lesesüchtige, hat eine Begabung, die ihm selbst rätselhaft ist. Eines Tages, als Meggie noch klein ist, liest er seiner Frau Resa mit seiner begnadeten Stimme aus dem Buch „Tintenherz” vor. Dabei werden der Verbrecher Capricorn (Udo Dülme) und weitere Figuren aus dem Buch heraus in die wirkliche Welt gelesen. Dafür verschwinden Resa und zwei Katzen für neun lange Jahre in der mittelaterlichen Tintenwelt. Jahre später kommt ein für Meggie fremder Mann zu Mo, um ihn zu warnen, dass das Buch gefährdet sei. Es ist der Gaukler Staubfinger (Knut Heimann), der damals im Tausch mit Meggies Mutter aus dem Buch heraus gekommen war. Gemeinsam fahren sie Richtung Süden, um mit Hilfe von Meggies Großtante Elinor (Rita Reineke) das Buch zu verstecken, in dem Resa vielleicht immer noch lebt. Doch Capricorn und seine Schergen, allen voran der abergläubische Basta (Ralf Stallmann), wollen das letzte Exemplar in ihre Hände bekommen, um den Schatten, eine gefährliche Kreatur und alten Verbündeten Capricorns, herauslesen zu lassen. Sie gelangen schließlich in den Besitz des Buches. Aber nach einigen Wendungen, nach Gefangennahmen und Befreiungen, versucht Mo mit Hilfe von Fenoglio (Dieter Marenz), dem Erfinder von Capricorn, diesen zu besiegen. Doch Meggie und Fenoglio werden von Basta gefangen genommen. Es stellt sich heraus, dass Meggie die Begabung des Vorlesens von ihrem Vater geerbt hat. Das erkennt sie, als sie Tinker Bell aus Peter Pan herausliest. Unterdessen versuchen Mo, Elinor und Farid (David Fischbach) – er wurde von Mo aus den Märchen aus 1001 Nacht herausgelesen, als er für Capricorn Gold aus der Geschichte lesen soll – die Entführten zu befreien. Mit Fenoglios Schreibkünsten, Meggies magischer Begabung und der Hilfe von Mo schaffen sie es, das Blatt zu wenden und Capricorn und seine Männer zu vernichten. Resa (Eva Grützenbach) gelingt es nach Jahren der Unterdrückung durch Capricorn und der Sehnsucht nach ihrer Familie zurückzukehren – allerdings stumm.

Wie ihr euch vorstellen könnt, war es ein gewaltiges Stück Arbeit, das sich Lars Emrich aufgehalst hatte. Allein schon einen Probenplan für insgesamt 14 Darsteller zu erstellen ist eine logistische Meisterleistung. Aber die Arbeit wurde belohnt: Zuschauer und Kritik zollten großes Lob und es sprach nichts dagegen, sich ein  Jahr später des zweiten Teils anzunehmen. Das Gespann Tuturuga/Emrich hatte eine Superarbeit abgeliefert und in Verbindung mit der stimmigen Musik von Andreas Grimm verspürte man bereits Lust auf mehr „Funke-Tinte”.

Kommen wir zur letzten Produktion in 2007, „Das Dschungelbuch”. Eigentlich müsste es ja „Die Dschungelbücher” heißen, denn Rudyard Kipling hatte 1894/95 insgesamt sieben Erzählungen in zwei Sammelbänden zusammengefasst, drei davon erzählen die Geschichte von Mogli, wovon letzten Endes zwei die Geschichte erzählen, die Walt Disney 1967 in seinem berühmten Zeichentrickfilm „Das Dschungelbuch” umsetzte und der in Deutschland bis heute Disneys erfolgreichster Film wurde.

Erzählt wird die Geschichte des Findelkindes Mogli aus der Sicht des Panthers Baghira, der das „Menschenjunge” im Dschungel findet und bei einer Wolfsfamilie unterbringt. So lebt Mogli zehn Jahre glücklich und zufrieden im Dschungel. Doch dann droht Gefahr: Der Tiger Shir Khan will Mogli töten, bevor dieser alt genug ist, Shir Khan selbst umzubringen, denn nur Menschen können mit Feuer umgehen – und das ist das Einzige, was der Tiger fürchtet. Die Wölfe und Baghira möchten Mogli zu einer Menschensiedlung in Sicherheit bringen, doch davon ist Mogli gar nicht begeistert. Dennoch brechen er und Baghira auf.

Auf ihrem Weg müssen sie viele Abenteuer bestehen. So gerät Mogli in die Falle von Kaa, der Riesenschlange, schließt sich kurzfristig einer Elefantenherde an und trifft auf Balu, der den sorglosen Mogli adoptiert und ihm beibringt, was Gemütlichkeit ist. Doch wenig später bemächtigen sich die Affen des Menschenkindes, weil deren König King Louie mit seiner Hilfe das Geheimnis des Feuers herausfinden möchte. Nachdem Mogli, Balu und Baghira entkommen konnten, muss auch Balu einsehen, dass Mogli im Dschungel nicht sicher ist. Mogli fühlt sich verraten und macht sich wieder allein auf den Weg.

Mogli trifft neue Freunde, drei Geier. Während eines plötzlichen Gewitters greift der gefürchtete Tiger Mogli an. Balu kann mit Hilfe der Geier gerade noch einschreiten und rettet Mogli vor Shir Khans Klauen, wird aber dabei vom Tiger bewusstlos geschlagen. Mogli besiegt den Tiger, als er einen durch einen Blitzschlag entflammten Ast an Shir Khans Schwanz befestigt – der Feind flüchtet panisch. Baghira und Mogli halten den immer noch reglos am Boden liegenden Balu für tot, und Baghira hält eine ergreifende Trauerrede auf den Bären. Balu jedoch lebt, ist wieder bei Bewusstsein und genießt die Lobeshymne auf seine Person.

Das Ende der Reise scheint gekommen, da hört Mogli eine Mädchenstimme aus der Menschensiedlung singen. Völlig verzückt folgt er ihr und lässt seine Freunde zurück. Die sind zwar verwundert, freuen sich aber, dass nun jeder dort ist, wo er hingehört.

So wie man bei Pippi Langstrumpf nicht an der Verfilmung oder wenigstens an ihren Liedern vorbeikommt, so ist es auch beim Dschungelbuch undenkbar, ganz auf Disneys Lieder zu verzichten. Auch hier hatte Lars Emrich wieder die Theaterfassung beigesteuert. Die Regie übernahm, wie bereits im Vorjahr bei Pippi Langstrumpf, Tobias Wessler.

Und das Bühnenbild stammte von? Nein, die Frage ist nicht ernst gemeint. Sie wäre genau so absurd wie: An welchem Fluss liegt Frankfurt/Main? Aber ihr fragt euch vielleicht, woher es kommt, dass kein Name so oft auftaucht wie der von Lars Emrich. Nun, die Antwort ist einfach. Mittlerweile hatte Laurentiu Tuturuga die künstlerische Leitung abgegeben und der Vorstand des Wuppertaler Kinder- und Jugendtheaters hatte Lars Emrich mit dieser Aufgabe betraut. Und Lars sprang sogleich in die Vollen, was seine Aktivitäten im Jahr 2007 beweisen.

Aber jetzt noch mal ab in den Dschungel. Die Hauptrolle, den Mogli, hatte Julian Marenz übernommen, der in die Fußstapfen seines Vaters getreten war und einen Mogli ablieferte, wie man ihn sich nicht besser vorstellen kann. Und nicht nur sein Spiel, auch sein Gesang und sein Tanz waren spitzenmäßig. Das muss er von seiner Mutter geerbt haben (entschuldige Dieter, ich konnte es mir nicht verkneifen). Ebenfalls im Dschungel anzutreffen war unser erster Vorsitzender Ulrich Auerbach, der der Rolle des Shir Khan Gesicht und Stimme gab. Wieder war es so, dass viele Darsteller doppelt und dreifach beschäftigt waren. Galt es doch neben den Hauptrollen ein ganzes Wolfsrudel, eine Affen- und Elefantenherde sowie diverse Geier zu besetzen. Und wieder war es Harry Kaymer, der allein fünf verschiedenen Tieren seinen Stempel aufdrückte. Schade, Harry, dass du erst so spät zu uns kamst und so früh wieder gingst. Ja, und dann war da natürlich neben Mogli der Liebling aller Kinder überhaupt, der Bär Balu, gespielt von Lothar Hampe. Wenn er „es mal mit Gemütlichkeit versuchte”, dann flogen ihm alle Kinderherzen zu (und das des einen oder anderen Erwachsenen sicherlich auch). Auch wenn Lothar in seinem Bärenkostüm während der Vorstellung ganz schön schwitzen musste…

Entschuldigt, all ihr anderen, die ich jetzt nicht genannt habe. Andrea, Esther, Katja, Rico, Sabine, Sandra und Tobias, ihr wart alle geradezu elefantös, wolfsmäßig affenstark und ich habe oft gegeiert vor Lachen. Kurz,  ihr wart außerordentlich dschungellös.

Oh Schubidu, ich möcht’ so sein wie duhuhu.

Bis nächste WuhuhuWoche
Euer Uwe