40 Jahre - 2008

Kapitel 38 (2008)
von Uwe Weinreich

Heute habe ich mir vorgenommen, einmal schwerpunktmäßig über unseren gesamten technischen Apparat zu erzählen. Ich gebe zu, dass ich ihn bisher immer ein wenig vernachlässigt habe, was zwei Gründe hat:
1. Ich stand in all den Jahren immer auf der Bühne und habe deshalb auch eher mitbekommen, was sich dort abspielte und
2. Die Technik-Mannschaft war immer schon eine sehr eigene Gruppe innerhalb des Kindertheaters. Das war aber schon zu Paul Winterlings Zeiten so. Es gab die Schauspieler und die Techniker. Die Schauspieler haben viel Arbeit im Vorfeld, nämlich bei den Proben, während die Techniker die meiste Arbeit während der Aufführungen haben, wobei ich hier Auf- und Abbau mit dazu rechne.

Als Zuschauer bekommt ihr das in der Regel nicht so mit, weil ihr mehr dem Geschehen auf der Bühne folgt; aber hierzu gehören selbstverständlich immer auch das richtige Licht, die richtige Musik, der Bühnenumbau zur nächsten Szene, die Hilfe beim schnellen Wechsel des Kostüms eines Schauspielers usw. Ohne die Technik währen wir Schauspieler aufgeschmissen, und deshalb soll an dieser Stelle noch einmal zum Ausdruck gebracht werden, dass eine gute Vorstellung sich durch ein gutes Buch, gute Regie, gute Schauspieler, aber auch durch eine gute Technik und den reibungslosen technischen Ablauf auszeichnet.

Über all die 40 Jahre sind auch in der Technik-Mannschaft Generationen von Menschen tätig gewesen. Am Anfang war es noch so, dass hier Uwe Böhme nicht nur das Bühnenbild gebaut hatte, sondern auch bei jeder Vorstellung über den technischen Ablauf wachte. Zu jener Zeit beschäftigten wir nicht nur einen professionellen Maskenbildner, sondern auch der Ton wurde von einem Tontechniker der Wuppertaler Bühnen gefahren. Hinzu kamen dann die ersten zusätzlichen jungen Techniker, die für das Licht verantwortlich waren. Zurückblickend kann man aber sagen, dass es in jener Zeit eher spartanisch zuging, was heißt, dass unsere Ausstattung eher klein war. Hier wird es am deutlichsten, was 40 Jahre im Leben eines Theaters ausmachen.

Heute seht ihr, dass sowohl Licht als auch Ton computerunterstützt werden, so dass sekundengenau Lichtstimmungen auf der Bühne wechseln und die richtige Hintergrundmusik eingespielt wird. Vor 40 Jahren konnten wir auf der Bühne noch vor jedem Musikeinsatz ein deutliches „KLACK” der Tonbandmaschine hören (kennt ihr eigentlich noch Tonbandgeräte?), sodass wir wussten, dass jetzt gleich der Ton kommen würde. Blieb dieses „KLACK” aus, dann waren wir genauso sicher, dass wir vergeblich auf Musik warten konnten und wir uns ganz schnell etwas ausdenken mussten, um diese Panne zu überbrücken. Die verschiedenen Scheinwerfer wurden noch über Schiebewiderstände bedient, und jeder Lichttechniker musste akribisch im Textbuch verfolgen, wann sein Stichwort von der Bühne kam, um eine Beleuchtung zu ändern.

Mit zunehmendem technischen Aufwand wurde auch der Bedarf an Technikern größer, und es wurde der Job des technischen Leiters geboren, der die Gesamtverantwortung für die technische Einrichtung und den Ablauf während der Vorstellung hatte. Dies ist bis heute so geblieben. Allerdings wurde anfangs, im Gegensatz zu heute, diese technische Gesamtverantwortung pro Spieltag festgelegt. In der Regel wurde das von denen übernommen, die 1. nicht sonst in dem Stück beschäftigt waren und 2. über einen Führerschein verfügten, damit sie den LKW fahren konnten. Auch ich habe auf diese Weise meine ersten Erfahrungen beim Chauffieren eines LKWs gewonnen.

Erster fester technischer Leiter wurde Michael Nelskamp, der als „Herberts-Pflanze” aus der „Meister-Böhme-Schule” stammte und lange Jahre ein sicherer Garant dafür war, dass alles technisch einwandfrei ablief. Zu der Zeit galt auch noch das Motto: „Wer beim Kindertheater mitspielen will, muss erst einmal in die Werkstatt und die Technik”. Dies ist heute nicht mehr so. Es hatte aber den großen Vorteil, dass alle Schauspieler genau wussten, was außerhalb der Bühne passierte, hatten sie es doch selbst bereits erfahren und nahmen nicht alles als selbstverständlich. Da wir in den frühen Jahren viel stärker als heute eine Wanderbühne waren, hatte auch das gesamte Drumherum Wanderbühnencharkter. Schauspieler bauten die Bühne mit auf und selbstverständlich auch mit ab. Und erst wenn der LKW fertig beladen war, verabschiedeten wir uns.

Okay, okay, ich hör ja schon auf von den „guten alten Zeiten” zu schwärmen. Nachdem Michael Nelskamp den Job des technischen Leiters quittiert hatte, kam Christoph Dülme zum Theater. Aber im Gegensatz zu seinem Vater fühlte er sich mehr zu Zange und Schraubendreher hingezogen als zum gesprochenen Wort. Und 1991 mit dem Auszug aus der Stadthalle wurde es dann Till Buchwald, der, ebenfalls einer „Theaterfamilie” enstammend, die technische Oberaufsicht übernahm. Er ist diesem Metier bis heute treu geblieben. Zwar hat er sich aus beruflichen Gründen wieder ins technische zweite Glied zurückbeordert, aber ohne ihn wäre auch heute das Kindertheater nicht denkbar, und mittlerweile ist er auch im Vorstand des Kinder- und Jugendtheaters gelandet.

Zwischenzeitlich gab es dann immer wieder auch das Rotationsprinzip. Mir fallen da Namen wie Robert Spingys, der als ausgebildeter Schreiner auch die Werkstatt eine Zeit lang leitete, Jürgen Grund, aber auch Tobias Uhl ein. Letzteren kennt ihr vielleicht nur als Schauspieler von der Bühne, der in den letzten Jahren das Fach der Väterrollen abonniert hat. Auch Ralf Stallmann, gerne als Bösewicht besetzt, hat 1986 in der Technik angefangen.

Ach, da muss ich euch noch eine Begebenheit erzählen: Es ist die wahre Geschichte von der verlorenen Fingerkuppe. Alle Zartbesaiteten unter euch sollten jetzt diesen Absatz überspringen. Wir bauten für ein Gastspiel „Input” auf, und Ralf stand auf einer Leiter, um, weiss der Geier was, in luftiger Höhe zu montieren. Aus welchem Grund auch immer rutschte er von der Leiter ab, das heißt ein winziges Stück seines Fingers rutschte nicht mit, sondern beschloss, oben in der Leiter zu bleiben. Während es also Ralfs Gesamtkörper nach unten zog, blieb eine Fingerkuppe unglücklich hängen. Okay, ihre Entscheidung. Kurz und gut, er fiel herunter und musste ins Krankenhaus (ohne Fingerkuppe). Als er sich im Theater zurückmeldete, war seine erste Frage: „Hat jemand eine Fingerkuppe gefunden?” Ja, besser kann man nicht beschreiben, aus welchem Holz unsere Techniker geschnitzt sind, und auch wenn auf ihren T-Shirts jetzt „Stage Crew” steht, so sind es es doch immer noch die gleichen Kerle wie vor 40 Jahren, deren schönster Lohn eben nicht der Schlussapplaus ist, sondern der Umgang mit der mittlerweile auf Profineveau befindlichen Bühnentechnik. Oh, Entschuldigung ich hätte natürlich Kerlinnen und Kerle sagen müssen, denn wir sind mittlerweile auch hervorragend weiblich besetzt in der „Stage Crew”. Heike Dahlbüdding kam als junger Fan des Kindertheaters zu uns, interessierte sich aber von Anfang an mehr für die Technik als für die Bühne. Auch sie hat diese Leidenschaft mittlerweile zu ihrem Beruf gemacht und arbeitet am Capitol Theater in Düsseldorf und immer wieder auch bei uns.

Nachfolger von Till Buchwald wurde 2005 Benjamin Krüger, allen nur als Benny bekannt, den ich nur als eher stillen Tüftler kenne, und der wiederum seinen Job in diesem Jahr an den Nagel hängte bzw. an Manuel Brüggemann übergab, trotzdem aber immer noch hilft, wo er kann. Sie alle und die hundert anderen, die ich vergessen habe, die aber auch Teil eines seit 40 Jahren funktionierenden Apparats waren und sind, der sich Kindertheater nennt, sie alle haben dazu beigetragen, dass es uns heute immer noch gibt. Und ihr müsst jetzt auch nicht applaudieren; denn ihr wisst ja, die Technik steht nicht gerne im Rampenlicht, sie sorgt lieber dafür, dass die anderen dort stehen können.

Jetzt aber wieder zurück ins Jahr 2008, in dem ich euch nicht weniger als fünf Stücke vorstelllen möchte. Es begann mit „Kalle Blomquist – Meisterdetektiv”, bereits 1979 von uns auf die Bühne gebracht. Die Handlung muss ich euch sicherlich nicht noch einmal erzählen. Für die Wuppertaler Rundschau war es sehr wichtig zu erwähnen, dass 1979 ihr jetziger Fotograf Heinz Eschmat den Polizisten Björk gespielt hatte. Wir schickten in dieser Rolle unseren ersten Vorsitzenden Ulrich Auerbach ins Rennen, der in Kleinköping auf einem Tretroller seine Runde drehte und damit für wiederholte Lacher sorgte. Alle Rollen waren natürlich wieder altersgerecht besetzt und so war die Bande der weißen Rose durch Robert Pflanze (Kalle), Jil Welbers (Eva-Lotte) und Marcel Nölle (Anders) vertreten, und auch die Mitglieder der roten Rose (Jos Freudenthaler, Helene Blasberg, Janik Backhaus) waren kaum älter als die Kinder im Publikum. Die Erwachsenen mutierten da fast zu Stichwortgebern für die überaus quirlige Truppe der Jungdarsteller. Ja, das waren noch Zeiten, als Astrid Lindgren dieses Stück schrieb (1946). Da waren Mütter noch richtige Mütter (Silke Welbers) und keineswegs alleinerziehend, Räuber waren noch blöd und dumm (Tobias Uhl, Andreas Baxewanoglou, Patrick Wasserscheid) und die Polizei hatte alles im Griff. Jörg Reimers, vielen bekannt aus seiner Zeit als Schauspieler bei den Wuppertaler Bühnen, hatte Regie geführt und eine solide Arbeit abgeliefert.

Noch vor den Sommerferien erblickte ein weiteres Kofferstück nach der kleinen Zoogeschichte das Licht der Welt, „Die Kuh Rosmarie”, eines der meistgespielten Kindertheaterstücke an deutschen Bühnen. Zwei Schauspieler (Matthias Brandebusemeyer und Rita Reineke) nehmen unsere jungen Zuschauer für 60 Minuten mit auf einen Bauernhof, auf dem schlechte Stimmung herrscht, denn Kuh Rosmarie nervt! Das Schwein soll nicht im Dreck spielen, der Hund sein Essen nicht schlingen, das Huhn nicht so laut gackern… keiner kann es ihr Recht machen. Da platzt selbst dem gutmütigen Bauern der Kragen. Kurzentschlossen steckt er die Rosmarie in den nächsten Flieger nach Afrika. Alles in Butter am Hof? Fehlanzeige – nur kurz währt das harmonische, friedliche Landleben. Denn eines Nachts steht ein Löwe, mit gekämmter Mähne und Schleife im Haar, vor dem Tor. Er ist auf der Flucht vor einem ewig nörgelnden unbekannten Tier, das in Afrika sein Unwesen treibt. Rosmarie!!! 

Unsere Theaterschule hatte seit dem Vorjahr ein neues Angebot: den Lampenfieber-Kurs. Über fast ein Jahr hatten 16 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren alle Facetten des Theaterspielens auf und neben der Bühne kennengelernt, hatten zusammen mit Laurentiu Tuturuga das Bühnenbild entwickelt, hatten selbst in die Werkstatt, in die Schneiderei und in die Verwaltungsarbeit hineingerochen, und jetzt standen sie vor dem Höhepunkt: Ihr Stück „Der kleine Prinz” kam auf die Bühne des Rex und erlebte mehrere Aufführungen. Alle waren in dieser Inszenierung beschäftigt und wechselten von Aufführung zu Aufführung. Die Presse lobte neben der wirklich grandiosen Gesamtleistung aus der Premierenbesetzung vor allem Lara Müller-Heinbach in der Rolle des Prinzen, Miriam Wunder und Yannick Bartsch in der des Piloten und Sophie Schwerter als der Dichter Antoine de Saint-Exupery. Es war nicht das letzte Mal, dass wir alle vier auf unserer Bühne sahen. Ihr wisst schon, die Sache mit dem Theatervirus. Alle waren noch im gleichen Jahr für das Weihnachtstück verpflichtet. Aber auch danach sahen wir sie wieder. Sophie ist in unserem diesjährigen Weihnachtsstück „Räuber Hotzenplotz” der Kasperl und Yannick spielt neben ihr den Seppel. Miriam fand ich grandios in „Chatroom” und sie hat mittlerweile in mehreren Rollen vor und auf der Bühne unter Beweis gestellt, dass sie Teil des Theaters geworden ist. So kann’s gehen.

Theaterleiter Lars Emrich hatte nicht nur mit Knut Heimann die Regiearbeit an der Kuh Rosmarie, sondern auch den Lampenfieber-Kurs geleitet und ganz nebenbei sich auch noch über den zweiten Teil der Tintentrilogie von Cornelia Funke „Tintenblut” hergemacht und den Stoff für unsere Bühne bearbeitet.

Tintenblut beginnt mit einer der berührendsten und tragischsten Figuren aus Tintenherz: Staubfinger. Nach Jahren der Sehnsucht nach seiner Tintenwelt hat er endlich jemanden gefunden, der ihn zurücklesen kann. Doch dieser Mann, der sich Orpheus nennt, ist mit dem Schurken Basta im Bunde. Und so gelangt Staubfinger zwar zurück in die Tintenwelt – aber sein treuer Begleiter Farid nicht. Farid weiß, dass in der Tintenwelt der Tod auf Staubfinger wartet. Und so geht er zu Meggie und bittet sie, ihn ebenfalls in die Tintenwelt zu lesen. Meggie lässt sich überreden, aber sie besteht darauf, mitzukommen. Obwohl sie weiß, dass sie sich damit auf ein ungewisses Schicksal einlässt – und ihren Eltern das Herz bricht.

So findet Meggie sich in der vertrauten und zugleich völlig fremden Tintenwelt wieder. Einer Welt voller Magie, fantastischer Wesen, grausamer Tyrannen und vogelfreier Spielleute. Staubfinger hat dort seine geliebte Frau Roxane wiedergefunden – aber kann er seinem vorbestimmten Schicksal entgehen? Farid und Meggie finden zwar den Schriftsteller, der die Tintenwelt erschaffen hat, doch seine halbherzigen Versuche, ihnen zu helfen, machen alles nur noch schlimmer. Als wäre das alles nicht schon schrecklich genug, hat Basta inzwischen in der realen Welt Meggies Familie gefunden, und bald ist er ebenfalls wieder in der Tintenwelt – ebenso wie Meggies Eltern. Mo wird angeschossen, der grausame Natternkopf rüstet sich zur Übernahme der Macht, Basta jagt Meggie und Staubfinger. Und dann werden Meggie und Mo auch noch zu Gefangenen des Natternkopfs…

Die Macht von Wörtern und Geschichten und die Frage nach der Möglichkeit, ein offenbar vorherbestimmtes Schicksal zu ändern: Das sind auch die Themen dieses zweiten Teils der Trilogie um die Tintenwelt. Stärker noch als im ersten Teil durchdringen sich hier reale und fiktive Welt. Diesmal werden die „echten” Figuren in die Welt des Buches Tintenherz versetzt und müssen sich in dieser fremden Umgebung behaupten. Und die ist wundersam, fantastisch und lässt einen immer wieder staunen – aber vor allem ist sie grausam, düster und schrecklich. Auch „Tintenblut” konnte wieder punkten, sodass es selbstverstädlich war, dass auch der dritte Teil folgen würde.

Zu Weihnachten stand wieder einmal „Die kleine Hexe” von Otfried Preußler auf dem Programm, zum dritten Mal nach 1982 und 1991. Matthias Brandebusemeyer führte Regie, und ich habe eine wunderbar bunte Inszenierung in Erinnerung. Lara Müller-Heinbach als kleine Hexe und Julian Marenz als Rabe spielten sich schnell in die Herzen der jungen Zuschauer. Mein absoluter Favorit war allerdings ein Wesen aus Holz, nämlich der Dackel des Försters (Ulrich Auerbach). Immerhin elf Darsteller und ein Holzdackel hatten in 34 Rollen viel zu tun in diesem aufregenden Stationenstück, das auf dem Blocksberg endet. Und wenn sie nicht auf der Bühne standen, so zogen sie sich blitzschnell für die nächste Rolle um. Eine tolle Leistung, die auch durch die Zuschauerzahlen bestätigt wurde.

Klimmerus, Klammerus… oder war es doch Mirulus, Murulus?

Ah, jetzt weiß ich wieder
Bis nächstus Wochus
Euer Uwe