40 Jahre - 2009

Kapitel 39 (2009)
von Uwe Weinreich

In diesem Jahr geht es nicht so turbulent zu wie in 2008. Wir hatten das ganz normale Plus-Programm, mit anderen Worten: Drei Inszenierungen des Kinder- und Jugendtheaters plus eine Lampenfieberproduktion waren geplant. Beginnen wir von vorne. Wer jemals ein Kind aktiv durch seine Grundschuljahre begleitet hat, wird nicht an Peter Härtlings Roman „Ben liebt Anna” vorbeigekommen sein. Es ist diiiiiie Schullektüre für 3. oder 4. Klassen, und das zu Recht.

Ben ist neun Jahre alt. Zu Beginn des vierten Schuljahres kommt Anna in Bens Klasse. Sie ist ein Aussiedlermädchen, das mit ihrer Familie aus dem polnischen Katowice nach Deutschland gekommen ist. Anna wird in der Klasse ausgegrenzt, weil sie anders aussieht und altmodische Kleidung trägt. Obwohl auch Ben zunächst nichts mit ihr anfangen kann, geht sie ihm nicht mehr aus dem Kopf. Da ist dieses Kribbeln im Bauch. Sie kommen sich näher. Ben begleitet Anna zu der Barackensiedlung, wo sie mit sechs Geschwistern und den Eltern lebt, und es gibt auch einen Besuch Annas bei seinen Eltern. Eines Morgens kommt Ben in die Schule, und da liest er an der Tafel den Satz, der dem Buch und auch unserem Theaterstück seinen Namen gab: Ben liebt Anna.

Wir haben eine Musical-Fassung gespielt, die den Vorteil hatte, dass immer dann, wenn mir ein wenig feucht in den Augen wurde, ein mitreißendes Lied als Tränenstopper fungierte.

Schon das Buch fand ich große Klasse, und die Inszenierung stand dem in nichts nach. Unser Ben hieß Robert, genauer gesagt, Robert Flanze, und ihr kennt ihn schon vom letzten Jahr, als er Kalle Blomquist war (hey, das reimt sich). Ihm völlig ebenbürtig, obwohl es ihr Debüt beim Kindertheater war, spielte Elvin Karakurt die Anna. Und wie es so ist bei armen Theatern wie dem unseren, musste Silke Welbers gleich beide Mütter spielen und noch Frau Schmalz-Grübchen dazu. Dieter Marenz und Michael Karp, ebenfalls alte Theaterhasen, komplettierten die Erwachsenenriege. Bei den weiteren Jugendlichen zahlte sich jetzt der Unterbau unserer Theaterschule aus. Sabine Ries, Miriam Wunder, Lukas Werner und Daniel Nosbüsch waren jetzt auf der „großen Bühne angekommen”. Ja, und dann war da noch Linn Welbers, die Jüngste im Ensemble, die Annas kleine Schwester spielte.

Ein echter Hingucker war wieder einmal Laurentiu Tuturugas Bühnenbild. Der Zuschauer wundert sich anfangs über die doch ach so sehr modernistisch verformten Gegenstände, die als Mobiliar dienen, bis sich am Ende alle Teile aufgerichtet und wie ein Puzzle zusammengesteckt als die zwei Silhouetten von Ben und Anna herausstellen. Grandios! Wir hatten mit dieser Inszenierung unter der Regie von Tobias Wessler einen guten Griff getan.

Der Frühsommer stand wieder ganz im Zeichen des Lampenfieberprojekts der Theaterschule. Diesmal war der Kurs von Beate Rüter geleitet worden, und die Teilnehmer hatten sich „Yvonne, die Burgunderprinzessin” oder „Iwona Księżniczka Burgunda”, wie es im Original des polnischen Autors Witold Gombrowicz heißt, vorgenommen. Der ganze Kurs, ganz in weiß in weißem Bühnenbild, brachte ein zauberhaftes Stück Theater auf die Bühne. Yvonne, auf der Premiere gespielt von Marie Speckmann, war sehr untypisch für Hauptrollen. Sie hatte nämlich mit Abstand den wenigsten Text, war doch Yvonne eher zurückhaltend schüchtern als ein Plappermaul. Nein, ihr oblag es, alles, was sie in einem Jahr gelernt hatte, durch Mimik und Gestik uns Zuschauern zu vermitteln, was ihr ausgezeichnet gelang.

Cornelia Funkes Tintentrilogie kam zum Ende. Lars Emrich hatte sich, wie schon bei den ersten beiden Teilen, über den schwierigen und langen Text hergemacht. Bei der Inszenierung selbst hatte er es dafür etwas leichter. Griff er doch auf ein eingespieltes Tintenensemble zurück, die alle ihre Rollen inzwischen gefunden hatten. Und ich weiß von meiner Frau, die in allen drei Teilen als Regieassistentin tätig war, dass es am Ende der letzten Vorstellung auch Tränen gab. Hatte sich doch ein außerordentlich homogenes Ensemble gefunden, das großen Spaß an den Rollen entwickelt hatte und Freundschaften entstehen ließ.

Aber noch sind wir nicht so weit, über das Ende zu sprechen. Also alles zurück auf Anfang. Unser Leporello erzählt die Handlung wie folgt: „Ich bin nicht mehr der Verfasser der Geschichte, der Tod ist es.” Mit diesen Worten weigert sich Fenoglio fortan zu schreiben und überlässt die Tintenwelt samt ihren Bewohnern ihrem eigenen Schicksal. Aber wer bestimmt die Geschicke der Tintenwelt? Ist es Orpheus, der sie ganz nach seinem Gutdünken manipuliert? Vielleicht schreibt sich die Geschichte aber auch selbst und hat ihre eigenen Pläne mit Meggie, Mo, Resa und Farid. Rasant erzählt, liefert uns Cornelia Funke den Höhepunkt der Trilogie – und der ist an Spannung kaum zu überbieten!

18 Darsteller, alles Hauptrollen, brachten dieses, auch für jedes professionelle Theater gewaltige Werk, zu einem würdevollen Abschluss. Ich bin nicht in der Lage, irgendeinen Darsteller hervorzuheben. Es war ein Fest für die Sinne: spannungsgeladene Musik (Andreas Grimm), die wundervollen Kostüme von Laurentiu Tuturuga und geschneidert von Angela Dausend, ein Augenschmaus. Selbst die allerkleinsten Darsteller waren bei unserer eher ungünstigen Akustik sauber zu verstehen. (Wer war eigentlich der wundervolle winzig kleine rotgeschopfte wieselflinke adlige Giftzwerg auf Seiten der Bösen mit der Bühnenpräsenz eines ganz Großen? – Ich habe auf dem Besetzungszettel nachgeschaut: Johannes Klein.) Und wie du es immer schaffst, Laurentiu, trotz der Fülle von Darstellern, immer noch ein Bühnenbild dazwischen zu klemmen, ist mit sowieso ein Rätsel.

Und es war auch ein Familienfest im übertragenen Sinne, war doch die gesamte Familie Uhl im Stück beschäftigt (Katja Uhl war für die Requisite verantwortlich, Tobias war Mo und seine Töchter Lioba und Delia spielten Tintenwelt-Kinder im Wechsel mit Lars Emrichs Töchtern Daria und Antonia). Lars, das war ganz großes Kino, und ich bedaure es sehr, dass unsere Idee, die Tintentrilogie einmal en bloc aufzuführen, nicht umzusetzen war.

Ja, dieses dreijährige Werk war ein Einschnitt in der Geschichte des Kinder- und Jugendtheaters. Und der zweite folgte sofort auf dem Fuße. Gabi Röder, unsere Geschäftsführerin, seit sich 1991 das Theater von der Kulturgemeinde Volksbühne löste, hatte beschlossen, am Ende des Jahres ihren Abschied zu nehmen. Mit ihr ging eine kleine Ära an unserem Theater zu Ende. Das gilt im Rückblick eigentlich aber für alle, die Meilensteine waren, angefangen bei Paul Winterling, weitergehend mit Herwig Mark und nun endend bei Gabi. Vor allem die Gründung der Theaterschule, von deren Dasein mittlerweile auch die damaligen Skeptiker voll überzeugt sind, war ihr Werk. Gabi, das hast du toll gemacht.

Bevor ich jetzt aber rührselig werde, was ja eigentlich eher der letzten Folge meiner Geschichte in der nächsten Woche vorbehalten sein sollte, schwenke ich ganz schnell über zu unser letzten Inszenierung von 2009. Und alle unter euch, die sich gerade zu dieser Jahreszeit noch an Fernsehnachmittage mit der Augsburger Puppenkiste erinnern können, haben jetzt ein Aha-Erlebnis.

Wir spielten „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer”, mein Lieblingsstück der Marionettenbühne, die ein Gutteil zum Bekanntheitsgrad von Michael Endes Geschichte beigetragen hat. Eine Insel mit zwei Bergen… Nein, gesungen wird jetzt nicht. In Lummerland herrscht Krisenstimmung. Die normalerweise so idyllische Insel mit jenen zwei Bergen hat ein Problem: zu viel Volk. Findet jedenfalls König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte, ein Monarch mit Hang zum Schwarzsehen. Drei Untertanen – Frau Waas, Herr Ärmel und Lukas der Lokomotivführer –, die lassen sich ja noch prima regieren, aber vier? Der öffentliche Nahverkehr, verkörpert durch die Lokomotive Emma, sieht sich harscher Kritik ausgesetzt, weil sie mit ihren Gleisen zu viel Platz in Anspruch nimmt; denn Jim Knopf, vor Jahren als Findelkind auf die Insel gekommen, wird immer größer, und König Alfons weiß keinen anderen Rat, als Emmas Spielraum zu beschneiden. Da hat er aber die Rechnung ohne Lukas und Jim gemacht. Die verschwinden mit Emma in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von Lummerland und lernen die große weite Welt kennen. Auf ihrer Reise begegnen sie Scheinriesen und klugen Mandalesen-Kindern und Halbdrachen. Und ganz nebenbei befreien sie auch noch die chinesische Prinzessin Li Si aus den Klauen der Drachendame Frau Mahlzahn. Am Ende aber, dem guten Ende, übermannt sie das Heimweh nach Lummerland, wo dann auch die Platzprobleme gelöst werden.

Bei diesem Stück merkte man wieder einmal deutlich, wo unsere Wurzeln sind, nämlich beim unverfälschten Kindertheater. Es war eine große Freude, vier Generationen Wuppertaler Kindertheater zusammen auf einer Bühne zu sehen. Angefangen bei den alten Erfahrenen, wie z. B. Rita Reineke als Frau Waas und Frau Mahlzahn, gefolgt von denen, die zu unseren ersten Theaterschülern gehörten wie Yannick Bartsch als Herr Ärmel und Sophie Schwerter als Ping Pong und Nepomuk. Die dritte Generation war verkörpert durch Elvin Karakurt als Li Si, die in „Ben liebt Anna” ihr Debüt hatte. Und dann war da noch die Drachenschule, in der zehn kleine Flöhe ihre ersten Schritte auf den Theaterbrettern taten. Ich bin mal gespannt, wen von ihnen ich in den nächsten Jahren einmal wiedersehen werde.

Und ihr anderen alle, Andreas, Anikó, Heiner, Timon, Miriam und Charlotte, ihr wisst selbst am besten, welcher Generation ihr euch zugehörig fühlt und bei denen, die für ihr Lebenswerk gekürt werden, seid ihr zum Glück noch lange nicht angekommen.

Ach, und fast vergaß ich noch unsere beiden Hauptdarsteller. Ulrich Auerbach als Lukas und Fabian Tschirdewahn als Jim ließen mich meine geliebten Marionetten vergessen. Und Emma? Emma war der Liebling aller Kinder, was sie auch befähigte, in unserer Ausstellung zum 40-jährigen Jubiläum im Barmer Rathaus aufzutreten. Dank Laurentiu als Ideengeber, Benny als technischem Tüftler und unserer Werkstattcrew um Susi Zeibig und Bianka Buße, war aus ihr eine „Grand Dame” des Theaters geworden.

Und jetzt zum letzten Mal sag ich euch heute: Bis nächste Woche, denn danach ist Schluss mit Schreiben… (der Autor geht pfeifend mit der Melodie „Eine Insel mit zwei Bergen” ab).

Euer Uwe