40 Jahre - 2010

Kapitel 40 (2010)
von Uwe Weinreich

So, da bin ich wieder und jetzt aber wirklich zum allerletzten Mal. 40 Jahre sind jetzt fast abgearbeitet, 40 Wochen habe ich Euch mit Kindertheatergeschichten gefüttert, und wir sind im Jahr 2010 angekommen; aber das lass‘ ich mir jetzt noch mal so richtig genüsslich auf der Zunge zergehen.

Das Frühjahr wartete einmal wieder mit einem Klassiker aus der Feder von Erich Kästner auf: „Pünktchen und Anton”, neben „Emil und die Detektive” wohl das bekannteste Jugendbuch Kästners. Die Allegeschichtenleser merken jetzt auf und sagen: „Das hatten wir doch schon mal.” Und ich sage: „Stimmt, 1981.” Und ich prognostiziere einmal, dass es irgendwann wieder gespielt werden wird. Wie wäre es denn mit 2031? Dann wird das Buch nämlich 100 Jahre alt. Dieses Stück ist, zu Recht, nicht totzukriegen. Und das ist auch gut so. 

Gegen meine sonstige Gewohnheit, werde ich jetzt einmal nicht die Schauspieler oder die Technik über den Klee loben, sondern mein Favorit war das Plakat. Ich selbst bin absoluter Fan der Illustrationen des Mannes, der fast alle Kästner-Jugendbücher illustriert hat, Walter Trier. Laurentiu Tuturuga hatte nicht nur das strahlende Sonnengelb des Buches, sondern auch noch gleich die Trierschen Pünktchen und Anton als Schatten der beiden Hauptdarsteller Lea Graf und Janik Backhaus auf das Plakat gebracht, eine schöne Idee.

Und so pfiffig, wie die beiden auf dem Plakat daher kommen, so pfiffig waren sie auch auf der Bühne und bildeten den schwungvollen roten Faden der Handlung, die gegenüber der Originalgeschichte ein wenig in die Jetztzeit gerückt wurde. Beate Rüter als Regisseurin stand neben versierten Altdarstellern auch eine Riege Junger, wie unsere beiden Hauptdarsteller, zur Verfügung. Und dann gab‘ es auch noch Musik von Stefan Hüfner. Ansonsten erinnere ich noch die Bratpfanne, die Karola Brüggemann als Hausdame Berta schwang, um den fiesen Robert (Tim Neuhaus) außer Gefecht zu setzen, eine wunderbare Szene.

Und einen Wunsch hätte ich noch: Liebe Theaterleute, lasst Tim Neuhaus doch nicht immer nur die bösen, durchtriebenen Unsympathen spielen. Danke.

Noch vor den Sommerferien bewies der Lampenfieber-Kurs, dass er 10 Monate lang nicht auf der faulen Haut gelegen hatte, sondern unter Katja Büchmann ein wunderschönes Stück Theater erarbeitet hatte: „Das große Shakespeare-Abenteuer”.  William Shakespeare, egal, ob er seine Stücke selbst geschrieben hat oder nicht, hätte an dieser Geschichte von Thomas Birkmeir seine helle Freude gehabt. Und dass ein Haufen junger Menschen weißgewandet seinen Figuren Leben einhauchte, war von der ersten bis zur letzten Sekunde eine große Freude. Und es macht mich stolz und froh, dass etliche von ihnen auch über den Theaterkurs hinaus so viel Spaß am Theaterspiel entwickelt haben, dass sie inzwischen in unser Ensemble gewechselt sind.

„Das große Shakespeare Abenteuer” ist die Geschichte des jungen William, der sich Kraft seiner unglaublichen Fantasie anschickt, ein schriftstellerisches Genie zu werden und die mythische Parallel-Welt der Feen und Elfen zu betreten. Die Feenwelt hat Angst, entzaubert und an die Menschen „verkauft” zu werden. Deshalb schickt Oberon seinen Kobold Puck: Er soll den Jungen entführen! Doch William tummelt sich bereits an einem Ort, wo das Abenteuer auf ihn wartet: im Theater. Als Puck ihn endlich findet, geht die Geschichte erst richtig los: Im Feenreich trifft William das streitende Ehepaar Titania und Oberon, aber auch den wilden Caliban, den Zauberer Prospero, die schöne Miranda, den verzweifelten King Lear und viele andere…

Birkmeir ist eine wundervolle Geschichte über die Macht der Fantasie, des Wortes und die unsterbliche Kraft des Theaters gelungen. Leicht, spielerisch und komödiantisch werden Kinder und Erwachsene an die Motive und Figuren des großen Theaterautors herangeführt. Märchenstoff und Feenzauber für Jung und Alt.

Nein, ich bin nicht (nicht mehr) besorgt, dass es eines Tages kein Wuppertaler Kinder- und Jugendtheater mehr geben sollte, wenigstens nicht, weil unser Ensemble unengagiert und antiquiert ist oder sich vielleicht sogar in Luft aufgelöst hat. Zum Donnerdrummel – mit so einem Haufen junger Theaterenthusiasten ist es doch ein Leichtes, auch locker die nächsten 40 Jahre anzugehen.

Und dann war Sommer. Katja Büchmann hatte aber relativ wenig Pause. Nachdem sie die Lampenfieberer auf Kurs gebracht hatte, stand ihr schon die nächste Premiere ins Haus. Das Jugendstück hieß „Chatroom” und traf den Nerv der Zeit.

Vier Jugendliche treffen aufeinander in einem Chatroom. Die Regel: Keiner nennt seinen richtigen Namen, niemand verrät, auf welcher Schule er ist. Klar ist nur: Alle stammen aus derselben Stadt. Alle sind im selben Alter. Ungefähr fünfzehn. Sie heißen: William, Jack, Eva, Emily. Der Chatroom heißt "Die verdammten Besserwisser". Oberstes Motto: Den anderen kluge Ratschläge erteilen, sich selbst behaupten.
Der Chat beginnt zunächst harmlos. Doch dann kommt Jim dazu, ein depressiver Gleichaltriger, einer, der den Sinn sucht, aber nicht in so einer "selbstmitleidigen Teeni-Art" mit Kurt Cobain-Altar. Er hat wirkliche Probleme. Jim wird schnell zum Spielball der anderen. Aus Langeweile reden sie ihm den Selbstmord als einzige Lösung ein. Er soll stellvertretend für die Jugend ein Zeichen setzen…

Vereinzelung und Gruppendynamik, Gefühle und Datenchaos, Anonymität und Vertrautheit erscheinen als möglichen Gefahren im Netz. „Chatroom” verhandelt die Probleme einer ganzen Generatiuon, die gewohnt ist, immer online zu sein und die Weite des Internets als Raum des Privaten zu nutzen.

Euch sechs Darstellern und der Regisseurin möchte ich meine absolute Hochachtung aussprechen. Alina Domdey, Miriam Wunder, Elisabeth Kratz, Tim Neuhaus, Patrick Blanke-Schelle und Rico Kucec haben uns gezeigt, wie wichtig es ist, dass wir Kinder- und Jugendtheater heißen und nicht nur ein Kindertheater sind. „Chatroom” sehe ich in direkter Nachfolge zu dieser Art von Jugendtheater, in der wir große Themen wie Liebe, Aids, Fremdenfeindlichkeit, Generationen- oder Schüler-Lehrer-Konflikte und Drogenkonsum thematisierten. Letzteres zum Thema Alkohol war eine Co-Produktion mit der Drogenberatung Wuppertal, deren Leiter (welch glücklicher Zufall) Ensemblemitglied Dieter Marenz ist, und der dieses Einpersonenstück mit dem Titel „Morgen hör ich auf” 2007 mit Laurentiu Tuturuga einstudiert hatte und damit ungeheuer erfolgreich war. Kein anderes unserer Stücke fand an so vielen verschiedenen Orten weit über Wuppertals Grenzen hinaus statt wie „Morgen hör ich auf”.  Und bei dieser Gelegenheit muss ich noch erwähnen, dass es immer wieder Kooperationen des Kinder- und Jugendtheaters gab, vielfach mit der Bergischen Musikschule. Mir fallen da spontan Titel wie „Spook”,„Verzockt” oder „Entgleist” ein.

Jetzt aber zurück in den Chatroom. Spannend wie ein Thriller wird einem sehr schnell klar, dass es sich um keine Guckkastengeschichte handelt, sondern dass wir eigentlich Teil des Schauspiels sind und dass es tagtäglich um uns herum aufgeführt wird.  Ich sah eine tolle mitreissende Inszenierung.

Und dann lag schon wieder der erste Spekulatius in den Geschäften. Für jeden ein deutliches Synonym, dass wir uns auf das Jahresende vorbereiten müssen. Für uns Kindertheatler heißt das, dass jetzt unser Augenmerk voll auf das zuschauer- und umsatzstärkste Stück gelenkt werden muss. Da können wir uns das ganze Jahr bisher mit den tollsten Stücken beschäftigt und sie zur Aufführung gebracht haben – jetzt wird das Heu eingefahren, das es uns ermöglicht, all das zu verwirklichen, was uns so sehr am Herzen liegt, und das ist in jedem Stadttheater und deshalb auch bei uns so. Ich will damit gar nicht das „Weihnachtsstück” kleinreden. In der Regel sind es sogar sehr große Produktionen, die viel Engagement erfordern. Und gerade 2010 sah ein ganz besonderes Stück.

Schon seit Jahren geistern in der Dramaturgie immer wieder zwei Stücke herum: Peter Pan und Alice im Wunderland. Letzteres geistert immer noch; aber „Peter Pan” wurde dann endlich im letzten Jahr verwirklicht. Lars Emrich hatte sich von dem Tintentrilogie-Stress erholt und war jetzt wieder offen für große Taten. Und so schnappte er sich das englische Original, übersetzte es neu, schrieb ein paar Songtexte hinzu und machte daraus eine für uns bühnengerechte Inszenierung. Julian Marenz hatte schon im Dschungelbuch und der kleinen Hexe bewiesen, dass er Hauptrollen stemmen konnte und war damit erste Wahl für die Rolle des Peter Pan. Und welch glückliche Konstellation: Sein Vater Dieter Marenz ließ es sich nicht nehmen, in die Piratenkluft von Hook zu schlüpfen. Auf diese Weise entstand eine einmal ganz andere sehr reizvolle Form der Vater-Sohn-Auseinandersetzung.

James Matthew Barrie schrieb eine Reihe von Geschichten über den Jungen, der niemals erwachsen werden wollte. Peter wird begleitet von der fliegenden kleinen Fee „Glöckchen” (engl. Tinker Bell), gespielt von Sophie Schwerter im Wechsel mit Esther Silberkuhl, und begegnet eines Nachts auf einem Ausflug nach London dem Mädchen Wendy Darling (Charlott Hoebel). Er nimmt Wendy und ihre Brüder John (Robert Flanze) und Michael (Johannes Klein) mit ins Nimmerland, wo Wendy für Peter und die verlorenen Jungs eine Mutterrolle übernimmt. Alle zusammen erleben eine Reihe von Abenteuern, in deren Mittelpunkt der Kampf gegen Kapitän Huck (engl. Captain Hook) und seine Piraten steht. Doch schließlich verspüren die Darling-Kinder Heimweh und vermissen ihre Eltern, sodass Peter sie zurückbringt. Auch die verlorenen Jungs werden von den Darlings adoptiert. Tatsächlich schrieb Barrie das Original als Theaterstück, das Weihnachten 1904 in London uraufgeführt wurde.

In unzähligen Geschichten, Büchern, Filmen, Comics wurde „Peter Pan” immer wieder neu erzählt, sodass es tatsächlich zutrifft, dass Peter ewig jung geblieben ist. Meine allererste Kinderplatte (Doppel-Schellack, 78 rpm) war die Disney Interpretation von Peter Pan, die 1953 in die Kinos kam. Ich habe diese Platte kaputtgeliebt und erinnere mich daran, dass immer, wenn der Wecker im Bauch des Krokodils klingelte, die Platte umgedreht werden musste.

Die Geschichte wurde von unserem Publikum begeistert aufgenommen, ist doch die Erzählung in der Tat generationenübergreifend und so richtig gut geeignet für ein Weihnachtsstück. So eine große Produktion erfordert, dass Kinderrollen doppelt besetzt werden, um den entstehenden Aufführungsstress zu minimieren. Bei der Vielzahl der Kinderrollen in Peter Pan ist das natürlich eine zusätzliche Herausforderung. Und eine ebenso große Herausforderung bei der Umsetzung von „Peter Pan” ist es immer auch, Peter zum Fliegen zu bringen. Stadttheater hängen ihren Hauptdarsteller immer gerne an Stahlseile (wie in diesem Jahr in Wien am Burgtheater oder im Düsseldorfer Schauspielhaus). Ich mag das eigentlich nicht so sehr, stören mich doch die Seile außerordentlich. Wie gut, dass sich für uns in Ermangelung eines Schnürbodens diese Frage nicht stellte. Lars Emrich spielte dafür mit der Fantasie der Zuschauer. Und wenn Peter auf den Fenstersims im Hause der Darlings tritt und einen Sprung nach draußen (sprich hinter die Kulissen) macht, dann weiß ich doch, dass er jetzt davonfliegt. Das muss ich doch nicht leibhaftig sehen. Liebe Stadttheaterregisseure, vertraut doch mehr auf die Kraft der Fantasie bei euren kleinen Zuschauern. Mit dem, was ein Filmregisseur technisch umsetzen kann, könnt ihr sowieso nicht mithalten.

Peter Pan erfüllte, ja übertraf alle Hoffnungen und Erwartungen, die wir als Zuschauer, aber auch als Vorstand dieses Trägervereins in das Stück gesteckt hatten. Dazu trug sicher auch die wunderbare Musik bei, die Andreas Grimm zu den Liedtexten extra für diese Inszenierung komponiert und eingespielt hatte. Wir entscheiden uns sogar zum ersten Mal in der Geschichte des Wuppertaler Kinder- und Jugendtheaters, eine CD aufzunehmen, die manche Eltern, wie wir aus vertraulichen Quellen erfahren, fast in den Audio-Wahnsinn getrieben hat, ob des Wunsches ihrer Kinder die CD noch mal und noch mal und noch mal zu hören.

Peter Pan ist ein wunderbarer Abschluss eines 40-wöchigen Ausflugs in meine und eure Erinnerungen. Mir hat es Spaß gemacht. Ich bin aber auch froh, jetzt wieder im Hier angekommen zu sein. Und wer weiß, vielleicht sehen wir uns ja mal wieder.  Ich hab‘ beim Schreiben soviel Blut geleckt, dass ich jetzt nach 10-jähriger Abstinenz von den Bühnenbrettern unbedingt einmal wieder… Naja, wir werden seh‘n.

Und in Abwandlung von Martina Thönes Kritik zu Peter Pan: Es gibt einen Ort, an dem man nur an etwas glauben muss, damit es passiert: In der Heimat von Elfen und Zauberern, Piraten und Clowns, Prinzessinnen, Gauklern, verlorenen Jungen und verschrobenen Alten, falschen Bärten und richtigem Lampenfieber gibt es nur eine Regel: Werde groß und mündig, aber bleibe in deinem Innersten immer ein Kind.

Mir bleibt nur noch, mich bei den treuen Lesern zu bedanken.

Euer Uwe