Pressestimmen

Westdeutsche Zeitung vom 11. November 2019

Ein Mädchen mit besonders viel Fantasie
von Martin Hagemeyer


Wuppertal Das Kinder- und Jugendtheater inszeniert „Alice im Wunderland“.
Ein Mädchen mit viel Fantasie folgt einem Hasen in eine Traumwelt, trifft seltsame Wesen wie die Grinsekatze und besiegt die böse rote Königin: Kein Zweifel, das ist „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll. Der literarische Klassiker wurde jetzt vom Kinder- und Jugendtheater in der Aula der Berufsschule von Peter Adrian Krahl inszeniert. Mit Judith Jaskulla in der Titelrolle ging ein buntes Abenteuer mit Musik über die Bühne der Bundesallee.
Die Geschichte bedient im Grunde ja ein beliebtes Muster. Hier wird sie ungefähr so erzählt: Ein Kind erlebt mancherlei Turbulenzen, löst knfflige Aufgaben und steht am Ende als Siegerin da. All das auch wegen besonderer menschlicher Gaben.
So knapp zusammen gefasst, tun sich schnell Parallelen auf - von „Peter Pan“ bis „Momo“; sogar um Zeit wie bei letzterem geht es heute auch bei Alice. Und wer häufiger zum Kinder- und Jugendtheater geht, fühlt sich bis hin zum Auftritt der Hauptschurken und ihrer Schergen an Früheres erinnert (selbst wenn unter anderer Regie) - an „Emil und die Detektive“ oder „Tintenherz“. Doch ein Haus hat seine Handschrift, das ist nichts Schlechtes.
Trotz mancher Ähnlichkeit stimmt aber auch: Die Carroll-Inszenierung findet doch noch ihren eigenen Akzent. Disziplin scheint das Thema, besser: das Grundübel, dem sich Alice widersetzt. Und genau deshalb ist sie die ideale Königin für eine Welt, die sich nicht um Logik schert. „Ein Glas Wein gefällig?“, fragt das Kaninchen (Ulrich Auerbach), obwohl weit und breit gar keine Flasche Rebensaft zu sehen ist, und er bestätigt schlicht: „Es ist ja auch keine da.“
Die Musik steht
für die Disziplin
Schön verspielt sind auch Dideldum und Dideldei (Lena Gundermann und Charlotte Kaufung): ein drolliges Duo, das mit spaßigen Kabbeleien das Stück durchzieht. Dagegen die Seite der Disziplin: Nicht zuletzt die Musik steht dafür, mit einem nach Marsch klingenden Hauptmotiv und entsprechend zackigen Bewegungen des Wachtrupps der Königin (Annegret Calaminus). Die nämlich ist die personifizierte Ordnung - als Alice am Ende triumphiert, ruft sie ihr wie zur Bestätigung zu: „Du hättest verdient zu sterben, weil du das Land mit sinnlosen Regeln und Missgunst überzogen hast.“ Dazu kommt es natürlich nicht.
Schön neben dem verrückten Hutmacher, den zur Premiere Ralph Wörheide wegen Besetzungsproblemen innerhalb weniger Tage einstudieren musste und der als knallrote Figur weite Teile des Stücks begleitet: der Darsteller Balduin von Au. Er meistert gleich vier Rollen, darunter die tolle Raupe und den komischen Humpty Dumpty, ein so leicht kränkbares Ei, dass es hoch auf seiner Mauer gar nicht Ei genannt werden mag.
Solche Charaktere garantieren, dass auch dieser Bühnenspaß kein austauschbares Kinderstück von vielen wird.

 

Musenblätter vom 11. November 2019

Wenn es so ist, könnte es sein…
von Frank Becker

 
Lewis Carroll hat 1865 für seine Erzählung „Alice’s Adventures in Wonderland“ mit dem weißen Kaninchen, das mit einer Weste ausgestattet und der Taschenuhr in der Hand der Zeit hinterherläuft, mit der prophetischen Raupe, der  Grinsekatze, den widersprüchlichen aber doch einigen Dideldum und Dideldei, dem verrückten Hutmacher, dem Märzhasen und eben der kleinen Alice ein Personal geschaffen, das seinem Buch zu einer bis heute andauernden Weltgeltung verholfen hat. Die Geschichte erzählt davon, wie die im sommerlichen Garten zwischen Schlafen und Wachen dämmernde kleine Alice das Kaninchen vorbeihasten sieht, ihm spontan in den Kaninchenbau folgt, in einen tiefen Schacht stürzt, fällt und fällt und fällt… - bis sie unbeschadet im Wunderland ankommt, wo sie versucht, dem Kaninchen weiter zu folgen.
Lewis Carroll hat mit diesem vielschichtigen Buch, das Kinder wie Erwachsene gleichermaßen fasziniert, ein Meisterwerk der phantastischen, skurrilen Literatur geschaffen, das seither Zeichner reizt, Illustrationen dazu beizutragen. Im Original hatte John Tenniel das getan. Die (Alp)Traum-Erzählung, die natürlich auch Psychologen auf den Plan gerufen hat, hatte in den vergangenen 150 Jahren zahlreiche Bühnenfassungen und -Aufführungen zur Folge, ab 1904 sind beinahe noch mehr Verfilmungen notiert. Wohl am besten gelungen und daher auch im kollektiven Gedächtnis verankert ist die Zeichentrick-Fassung aus den Disney-Studios, die 1951 in die Kinos kam und noch heute das Maß der Dinge ist.
 
Hier läßt sich nun wunderbar das Band zu der „Alice im Wunderland“-Inszenierung knüpfen, die Peter Adrian Krahl am vergangenen Samstag auf die Bühne des Wuppertaler Kinder- und Jugendtheaters gebracht hat. Denn die von Laurentiu Tuturuga nebst den Kostümen liebevoll gemachte Ausstattung beruft sich bis ins Detail der Wasserpfeife rauchenden Raupe, der Ausstattung von Dideldum und Dideldei oder des Flamingo-Krocket-Schlägers der roten Königin auf das Disney-Vorbild. Mit Raffinesse wird das Schrumpfen Alices nach dem „Trink mich“-Fläschchen und das Wachsen nach dem „Iß mich“-Keks umgesetzt, das multifunktionale Bühnenbild illusioniert Mal um Mal neue Landschaften und Handlungsorte, und neben der Kernfigur der Alice (ganz reizend Judith Jaskulla) sind das urkomische Duo Dideldum und Dideldei (herrlich: Lena Gundermann und Charlotte Kaufung), Balduin von Au herausragend in seinen Rollen als prophetische Raupe, rätselhafte Grinsekatze, Humpti Dumpti und weiser Schiedsrichter sowie der eingesprungene Ralph Wörheide als Hutmacher und Louis Droß als wundervoll  dämonischer Herzbube echte Glanzlichter dieser unterhaltsamen Inszenierung.
Mit fast 1½ Stunden ohne Pause wird allerdings die Aufnahmefähigkeit der Kinder ausgereizt, und die Sprach-Verständlichkeit könnte akustisch ein wenig verbessert werden. Ansonsten: Ungetrübtes, phantastisch-buntes Vergnügen.
 

Info

Das Stück dauert 1:40 Stunde ohne Pause